Der Umbau als Alibi für schwindende Zuschauer
Nichts sollte aktuell leichter zu erreichen sein als volle Theater. Immerhin erreichen die geburtenstarken Jahrgänge langsam die Rente und haben nach einer langen, produktiven und wirtschaftlich erfolgreichen Ära Zeit für Geselligkeit und abendliche Unterhaltung. Die Demographie spricht aktuell für die Bühnen, wer auswärts versucht, für Vorstellungen in renommierten Häusern Karten zu bekommen, weiß, daß man schon rechtzeitig schauen muß, um an gute Karten zu kommen. In Karlsruhe trifft das nur noch bei den Händel-Festspielen und bei seltenen Leuchtturm-Produktionen zu (Dracula war stets ausverkauft). Denn gerade in Karlsruhe will man dieses Publikum leider nicht ansprechen. Damit man ja nicht die falschen Zuschauer anlockt, hat man bekanntlich die Maßnahmen für die Außendarstellung stark reduziert, das Theater ist unsichtbarer geworden, insbesondere das Schauspiel agiert als Klienteltheater und hat in der abgelaufenen Spielzeit die geringsten Besucherzahlen. Viel finanziell interessantes Publikum bleibt weg und wird durch das Karlsruher Theater gar nicht erst angesprochen.
Intendant Firmbach ist nach zwei Spielzeiten nicht auf der Erfolgsspur, manches hat sich aus Zuschauersicht zwar normalisiert, aber der erhoffte Umschwung hin zu mehr Abwechslung ist nicht eingetreten. Wer sich vom Intendanten neuen Schwung erhofft hat, kann nur enttäuscht sein, die erhoffte Aufbruchstimmung flachte schnell ab. Und man sollte sich nicht täuschen lassen: die finanziellen Probleme der Stadt Karlsruhe, Kürzungen und Neubau sind nicht pauschal für die sinkenden Zuschauerzahlen (Rückgang zum Vorjahr: ca. 5%) verantwortlich. Beim Vergleich mit der nicht gerade rosigen Spielzeit 2018/2019 zeigen sich sich in fast allen Sparten sinkende Auslastungen:
Gesamt:
2018/2019: 285.000 Zuschauer in ca. 960 Vorstellungen
2018/2019: 88.400 (77%)
Man stagniert. Das Große Haus hat Umbaubedingt weniger Plätze. Bei den seltenen ausverkauften Vorstellungen (insbesondere bei den Händel-Festspielen) hätte man also vielleicht noch ca. 2000 Karten mehr verkaufen können. Eine Trendwende ist nicht erkennbar.
Ballett
2018/2019: 50.200 (98,8%)
Die goldene Karlsruher Ballett-Ära von Birgit Keil ist als Vergleich eine hohe Hürde. Aber Raimondo Rebeck und Kristina Paulin ist es zuzutrauen, die Auslastung noch zu steigern.
Das Sorgenkind unter den Sparten Der Wegfall des Studios verursacht keinen über 50%igen Rückgang der Zuschauerzahlen, die Auslastung ist ungefähr gleich geblieben. Das Interesse am Karlsruher Schauspiel ist also massiv gesunken. Der Schauspieldirektor flüchtet nach der kommenden Spielzeit, 2027/2028 übernimmt Ursula Thinnes die Sparte. Es benötigt einen radikalen Schnitt und Umbau, hin zu mehr Freude, Vielfalt und Abwechslung.
2018/2019: 36.000 (84%)
Kindertheater
Das Theater will bekanntlich jüngeres Publikum, indem man die zahlungskräftige Kundschaft vernachlässigt - ein tragisches Mißverständnis. Seit über vier Jahrzehnten besucht der Verfasser dieser Zeilen Vorstellungen des Badischen Staatstheater und stets blieb das Publikum überwiegend ähnlich, insbesondere ähnlich alt: es dominierte ein erwachsenes, reifes, oft grauhaariges Publikum. Der Unterschied von 1986 zu 2026 liegt (abgesehen davon, daß man früher besser gekleidet war, Theater war etwas Besonderes und gerade nicht ein "Wohnzimmer". Es scheint gerade bei jungen Publikum wieder der Trend zum Außergewöhnlichen und Festlichem aufzukommen) nur darin, daß man trotz geburtenstarker Jahrgänge im richtigen Alter, heute dieses Publikum nicht mehr erreicht. In gewisser Weise hat das Theater seit 2011 den qualitativen und quantitativen Abschluß verloren, wenn nicht sogar abreißen lassen. Und man sollte sich nichts vormachen: es ist kein Verdienst, mit Millionen Euro an Steuergeldern ein Kinder- und Jugendtheater aufzubauen. Es ist aber ein eklatanter Mißerfolg, große Teil des potentiellen Publikums einfach zu ignorieren.
Fazit: Zur Einweihung des vollendenten Theaterumbaus sollte man endlich einen Umbruch wagen und die komplette Intendanz austauschen. Neue Besen fegen gut und gerade im Theater benötigt es Wechsel und neue Konstellationen.
Vielen Dank für Ihre Beobachtungen. Es reicht nicht in einer kleinen Stadt wie Oldenburg erfolgreich Theater zu machen und diese Fähigkeit und das Konzept (welches?) 1:1 auf Karlsruhe zu übertragen. In Oldenburg geht man als Bildungsbürger einfach ins Theater. Egal unter welchem Intendanten. Die nächsten Häuser liegen weiter entfernt und sind schwer mit dem ÖPNV zu erreichen.
AntwortenLöschenDas ist in Karlsruhe ganz anders. Die Menschen müssen vielschichtiger angesprochen werden. Es reicht nicht launige Moderationen auf Stammtischniveau und schlechte Premierenreden anzubieten. (Wobei es in der Oper besonders peinliche Reden sind, wirklich zum fremdschämen.)
Zusammengefasst: Das Erscheinungsbild ist unsichtbar (was macht eigentlich die Öffentlichkeitsarbeit? Da arbeiten doch wirklich viele Leute. Wobei die Menschen hinter den Kulissen ja auch nicht mehr im Spielzeitheft erscheinen.), die öffentliche Präsentation durch die Leitung zum fremdschämen, eine Öffnung in die Stadtgesellschaft findet nicht statt. Und das sind alles erstmal keine Sachen, die nur Geld kosten, sondern auch mit einem Selbst zu tun haben, mit Haltung und mit den Prioritäten. Das schaffen andere Häuser viel besser und ich glaube, Karlsruhe wurde in seiner Komplexität eindeutig unterschätzt.
Grüße von einem Karlsruher, der jetzt mehr nach Stuttgart, Baden-Baden, Heidelberg, Mannheim, Straßburg, Freiburg und andere Städte fährt
Vielen Dank für Ihren Kommentar, Ihren Einschätzungen kann ich zustimmen. Man ist in Karlsruhe irgendwie ge- und befangen und schafft es nicht, eine Aufbruchstimmung und eine neue Positionierung zu schaffen. Stattdessen stagniert man ideenlos in einem alten modus operandi. Nix Neues, nirgends.
AntwortenLöschenIch habe schon überlegt, meinen Blog umzuziehen: "Gestern in der Bayrischen Staatsoper in München", da fühle ich mich aktuell eher angesprochen.