Anfang des Jahres kürte die New York Times in den 52 places to go in 2026 (hier) genau einen Ort in Deutschland: Bayreuth. Und das aus einem einzigen Grund: die Wagner-Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum und eröffneten mit einer Neuerung: Zum allerersten Mal wurde gestern Wagners dritte vollendete und 1842 umjubelt uraufgeführte Oper Rienzi, der letzte der Tribunen im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt. Richard Wagner hatte seine Frühwerke Die Feen, Das Liebesverbot und Rienzi nie ausdrücklich für Bayreuth vorgesehen; deshalb galten sie dort bisher nicht als Teil des regulären Festspielrepertoires, also der zehn kanonischen Werke ab dem Fliegenden Holländer bis Parsifal. Zum 200.Geburtstag des Komponisten wurden die drei Frühwerke als Gastspiele in der Oberfrankenhalle aufgeführt. Dirigent Christian Thielemann erklärte damals den Aufführungsort : "... nicht im Festspielhaus - das wäre nicht nur nicht in Wagners Sinne, sondern wegen des gedeckelten Grabens auch kontraproduktiv". Nun also doch, gegen die Absicht Wagners: Rienzi hatte gestern bei den Festspielen Premiere und es stellte sich vor allem eine Fraqe vorab: will man der Oper gerecht werden oder sich dem Zeitgeist anbiedern? Leider geschah letzteres. Die beiden Regisseurinnen begannen den Kardinalfehler, die Handlung abzuändern, um der Oper etwas anderes aufzupropfen. Dies geschah leider ohne die erforderliche Plausibilität des überzeugenden Ganzen. Sängerisch und musikalisch hingegen konnte man gestern zufrieden sein.
Worum geht es?Historisches
In Karlsruhe dauerte es fast 30 Jahre bis zum 08.02.1871, bis man Rienzi zum ersten Mal spielte. Immerhin 155 Jahre vor Bayreuth.
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| (Quelle: hier bei der BLB) |
Was ist zu beachten?
Das historische Vorbild Cola di Rienzo (*1313 †1354) war ein ehrgeiziger, politisch geschickter, aber letztlich gescheiterter Machtmensch des spätmittelalterlichen Rom. Er trat als Gegner der Adelsgewalt auf, gewann zeitweise breite Zustimmung, verlor aber durch seine Schwäche im Regieren, seine Konflikte mit den Eliten und die Instabilität seiner Stellung rasch wieder an Rückhalt.
Wagners Rienzi (inspiriert durch ein Roman von Edward Bulwer-Lytton) ist etwas anderes: eine große tragische Figur. Er steht für den Willen zur Ordnung, für politische Erhebung und für die Hoffnung auf ein gerechtes Gemeinwesen. Zugleich ist er von Anfang an überhöht, fast monumental gezeichnet, als Mann mit Sendungsbewusstsein und moralischem Anspruch. Der historische Mensch wirkt damit eher wie ein politischer Akteur mit taktischem Kalkül, Ehrgeiz und begrenzter Macht. Die Opernfigur dagegen ist der idealisierte Tribun, der das Volk befreien will und gerade an der Logik von Macht, Erwartungen und Verrat zugrunde geht. Wagner macht aus Geschichte ein politisches Drama über Führung, Legitimation und den Zerfall der Ordnung. Die Opernfigur ist positiv überhöht, eine tragische Führungsfigur, die Ordnung, Recht und Gemeinwohl gegen die aristokratische Gewalt setzt und am eigenen Anspruch zerbricht. Doch Rienzi als Figur zwischen Politik und Populismus sollte gerade nicht das Thema der Bayreuther Inszenierung sein
Was ist zu sehen?
Bühne und Kostüme bewegen sich in einem weiß-grau-schwarzen Dreiklang, Farbe ist selten, der Erinnerungswert gering.
Wer erwartet hatte, daß das Regie-Team ein maßgebliches, zeitgenössisch interessantes Plädoyer für Wagners Oper zeigen würde, erlebte gestern eine enttäuschende Überraschung. Die Oper spielt im Hier und Heute, Mobiltelefone und Bildschirme sind omnipräsent, doch man erzählt keine politische Parabel. Es gibt drei Handlungszweige: die politisch-kriegerische Handlung, die zwar den größten Teil der Oper vereinnahmt, aber letztendlich nicht im Zentrum steht, eine psychische Labilität bei Rienzi und eine inzestuöse Verstrickung, die die Schlußpointe bildet. Die enge familiäre Bindung zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene rückt am Anfang und Ende der Oper in den Mittelpunkt. Die Regie erfindet eine inzestuöse Beziehung, während der Ouvertüre bedrängt Rienzi seine Schwester, die ihn aber zurückweist. Die Oper beginnt nicht mit der Entführung Irenes, sondern mit einem Social Media Skandal: Rienzi - einer der drei Kandidaten um ein politisches Amt - wird genau diese Nähe zur Schwester unterstellt. Der in Irene verliebte Adriano schafft sie aus der Welt und wird Teil von Rienzis Kampagne. Der Wahlsieger Rienzi scheint unter Wahnvorstellungen zu leiden, während der Siegeszeremonie öffnet sich der Himmel, Rienzi erlebt die Vision eines christlichen Wunders. Originell ist die Beibehaltung der Ballettmusik, die während dem Festakt für eine Pantomime genutzt wird: Richard Wagners Werke werden im Schnelldurchlauf aufgeführt - eine durchaus augenzwinkernde Hommage an die Grand Opéra.
Das Attentat und der Bürgerkrieg werden solide gezeigt, Rienzi exekutiert eigenhändig Orsini und Colonna und zeigt die Hybris des Pyrrhussiegers. Die bekannte Gebetsszene wird wesensfremd gebrochen, der traumatisierte Rienzi ist alkoholisiert und denkt an Selbstmord. Dann wird es wild: erneut rückt die Beziehung Rienzi - Irene in den Mittelpunkt. Rienzi fordert Irene auf, ihn zu erstechen, was diese auch tut. Anschließend schneidet sie sich die Pulsadern auf. Kein Kapitol brennt, der bereits blutende Rienzi stirbt, umgeben von einer wütenden Menge und erlebt wieder eine himmlische Vision. Und noch ein Wunder - die totgeglaubte Irene wird zu Freude Adrianos in dem Moment wieder lebendig, als Rienzi tot ist. Der Vorhang fällt und mancher Zuschauer wird sich gefragt haben: was hat denn nun das Regie-Team hier erzählen wollen? Der starke rote Faden fehlt, es liegen Handlungsfäden nebeneinander, die nicht eindeutig zusammenpassen und unzureichend im Konstrukt erscheinen. Szenisch ist das kein Plädoyer für dieses Werk.
Was ist zu hören?
Rienzi hat gefährliche Längen, angesichts knapp fünf Stunden Musik plädierte Christian Thielemann bereits 2013 für eine "kluge Strichfassung, die das Ganze erträglich macht". Eine kanonische Fassung gibt es nicht, die Produktionen unterscheiden sich oft. Die neue Bayreuther Version ist diskutabel, Kürzungen und Umstellungen schaffen nicht immer einen konstanten Handlungsfluß. Aber was aus dem Orchestergraben kommt, ist beachtenswert. Dirigentin Nathalie Stutzmann kann immer wieder zulegen und die Handlung musikalisch verdichten, ohne die gute Durchhörbarkeit und das Zusammenspiel mit den Stimmen zu beinträchtigen. Auch sängerisch kann die Produktion überzeugen, Sänger und Chor zeigen starke Präsenz. Was den Abend prägt, ist weniger ein einheitlicher Klangrausch als die Differenzierung der Stimmen: jede Figur erhält stimmlich ein deutliches Profil.
Andreas Schager singt den Rienzi mit seiner typischen Mischung aus tenoraler Kraft und sicherer Höhe, die Spannkraft der Stimme schien im letzten Teil eine kurze Schwächephase zu haben, der Ton war kurz weniger fokussiert, darstellerisch war seine Figur von einer nervösen Unruhe geprägt. Gabriela Scherer gestaltet eine zurückhaltende, teils erstarrte Irene mit geradlinigen Tongebung und Leuchtkraft. Jennifer Holloway singt den Adriano mit starker dramatischer Präsenz bei stets kontrollierter Linienführung. Andreas Bauer Kanabas bringt als Steffano Colonna ein solides, kerniges Bassbaritonfundament ein, Michael Nagy zeichnet den Paolo Orsini mit geschmeidiger Baritonfarbe und präziser Textartikulation. Seine Stimme besitzt jene dunkle Eleganz, die die Figur nicht laut, sondern gefährlich macht. Das macht den Orsini zu einem der am klarsten gezeichneten Charaktere des Abends. Vitalij Kowaljow bringt für Kardinal Raimondo das nötige tiefe Fundament und eine wohltuend ruhige Autorität mit. Seine Stimme entfaltet Wirkung weniger durch Effekte als durch Resonanz und Gewicht. Der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Chor hatte viel zu tun und trug wesentlich die Vorstellung. Insgesamt zeigt sich ein Ensemble, das die vokalen Extreme von Wagners Frühwerk nicht ausstellt, sondern in eine dramatische Ordnung bringt. Das ist kein Abend der Überwältigung um jeden Preis, sondern einer der sorgfältig gewählten stimmlichen Profile.
PS: Für alle, die die Vorstellung in Bayreuth noch besuchen: Der erste Teil hat eine Spielzeit von zwei Stunden, der zweite dauert 45 Minuten, der dritte 55. Eine reine Spielzeit von ca. drei Stunden, vierzig Minuten plus der zwei üblichen einstündigen Pausen.
Besetzung und Team:
Cola Rienzi, päpstlicher Notar: Andreas Schager
Irene, seine Schwester: Gabriela Scherer
Steffano Colonna, Haupt der Familie Colonna: Andreas Bauer Kanabas
Adriano, sein Sohn: Jennifer Holloway
Paolo Orsini, Haupt der Familie Orsini: Michael Nagy
Kardinal Raimondo, päpstlicher Legat: Vitalij Kowaljow
Baroncelli: Matthias Stier
Cecco del Vecchio: Michael Kupfer-Radecky
Ein Friedensbote: Victoria Randem
Musikalische Leitung: Nathalie Stutzmann
Chorleitung: Thomas Eitler-de Lint
Regie, Bühne und Kostüme: Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka
Licht: Bernd Gallasch
Video: Leonard Koch

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