Montag, 27. Juli 2026

Bayreuther Festspiele: Wagner - Rienzi, 26.07.2026

Anfang des Jahres kürte die New York Times in den 52 places to go in 2026 (hier) genau einen Ort in Deutschland: Bayreuth. Und das aus einem einzigen Grund: die Wagner-Festspiele feiern ihr 150. Jubiläum und eröffneten mit einer Neuerung: Zum allerersten Mal wurde gestern Wagners dritte vollendete und 1842 umjubelt uraufgeführte Oper Rienzi, der letzte der Tribunen im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt. Richard Wagner hatte seine Frühwerke Die Feen, Das Liebesverbot und Rienzi nie ausdrücklich für Bayreuth vorgesehen; deshalb galten sie dort bisher nicht als Teil des regulären Festspielrepertoires, also der zehn kanonischen Werke ab dem Fliegenden Holländer bis Parsifal. Zum 200.Geburtstag des Komponisten wurden 2013 die drei Frühwerke als Gastspiele in der Oberfrankenhalle aufgeführt. Dirigent Christian Thielemann erklärte damals den Aufführungsort : "...  nicht im Festspielhaus - das wäre nicht nur nicht in Wagners Sinne, sondern wegen des gedeckelten Grabens auch kontraproduktiv". Nun also doch, gegen die Absicht Wagners: Rienzi hatte gestern bei den Festspielen Premiere und es stellte sich vor allem eine Fraqe vorab: will man der Oper gerecht werden oder sich dem Zeitgeist anbiedern? Leider geschah letzteres. Die beiden Regisseurinnen begingen den Kardinalfehler, die Handlung abzuändern, um der Oper etwas anderes aufzupropfen. Dies geschah leider ohne die erforderliche Plausibilität des überzeugenden Ganzen. Sängerisch und musikalisch hingegen konnte man gestern zufrieden sein.

Worum geht es?
Ort und Zeit: Rom, 1354
Am Anfang steht Gewalt. Ihr Auslöser ist ein Mädchen, doch die eigentliche Triebkraft ist ein politisches System, das von rivalisierenden Eliten beherrscht wird. Rienzi erzählt den Aufstieg und Sturz eines Mannes, der antritt, diese Ordnung zu brechen und schließlich an ihren Mechanismen scheitert.
Die römische Gesellschaft ist geprägt von den Adelsfamilien Orsini und Colonna, die in permanenter Fehde stehen, zugleich aber ein gemeinsames Interesse verfolgen: die Sicherung ihrer Macht über die Stadtbevölkerung. Der Konflikt um Irene, eine Bürgerliche und Rienzis Schwester, die entführt werden soll, macht sichtbar, wie sehr private Willkür und politische Herrschaft ineinandergreifen. Selbst die Autorität der Kirche, vertreten durch einen Kardinal, erweist sich als ohnmächtig gegenüber der Gewalt der Aristokratie.
Rienzi tritt als Gegenfigur auf: ein Vertreter des Bürgertums, der Recht, Ordnung und politische Teilhabe verspricht. Seine Legitimation bezieht er nicht aus Herkunft, sondern aus Zustimmung. Indem er dem Volk ein Ende der adligen Gewalt in Aussicht stellt, mobilisiert er eine revolutionäre Bewegung. Der Umsturz gelingt; Rienzi wird zum Träger einer neuen Ordnung und entscheidet sich für den Titel des Volkstribunen – ein bewußt gewähltes Symbol republikanischer Legitimation. An seiner Seite steht Adriano, ein Angehöriger der alten Elite, der sich vorübergehend von seiner Herkunft löst.
Doch die alte Ordnung verschwindet nicht, sie reorganisiert sich. Die Adelsfamilien agieren verdeckt und nutzen den Moment der politischen Konsolidierung für einen Gegenschlag. Ein Attentat auf Rienzi während eines öffentlichen Festes zeigt, wie fragil die neue Macht ist. Daß der Anschlag scheitert, verdankt sich nicht politischer Stabilität, sondern persönlicher Vorsorge. In der Frage des Umgangs mit den Verschwörern trifft Rienzi eine folgenreiche Entscheidung. Entgegen der Erwartung der Bevölkerung verzichtet er auf harte Sanktionen und gewährt Gnade. Diese Milde unterminiert seine Autorität: Die revolutionäre Basis, die Sicherheit und Vergeltung erwartet, beginnt zu zweifeln. Der Bruch zwischen Führungsanspruch und Erwartungshaltung wird sichtbar. Die Konsequenz folgt rasch. Die zuvor zerstrittenen Eliten schließen sich zusammen und greifen Rom militärisch an. Der Konflikt eskaliert zu offener Gewalt mit hohen Verlusten. Zwar behauptet sich Rienzi militärisch, doch politisch gerät er weiter unter Druck. Adriano verkörpert nun den Rückzug der alten Elite in ihre traditionellen Loyalitäten: Nach dem Tod seines Vaters schlägt er sich auf die Seite der Gegner und radikalisiert den Widerstand.
Der Sieg Rienzis erweist sich als instabil. Außenpolitisch isoliert sich sein Regime, als verbündete Mächte ihre Unterstützung entziehen. Innenpolitisch wächst das Mißtrauen. Die Entscheidung zur Begnadigung der Gegner wird nun als strategischer Fehler interpretiert; Gerüchte über Kollaboration mit den Eliten untergraben zusätzlich seine Glaubwürdigkeit. Solche Narrative verbreiten sich schnell und entfalten politische Wirkung, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Auch die Kirche entzieht Rienzi die Unterstützung und verweigert ihm die symbolische Bestätigung seiner Herrschaft. Damit verliert er eine zentrale Quelle politischer Legitimation.
Im letzten Akt verdichtet sich die Krise zur offenen Auflösung der Ordnung. Rienzi sucht Rückhalt im Religiösen, während selbst im privaten Umfeld die Distanz wächst. Seine Selbstdefinition als Diener  Roms steht im Widerspruch zur Realität: Die politische Gemeinschaft hat sich von ihm abgewandt.
Schließlich eskaliert die Lage endgültig. Das Volk wendet sich gegen den eigenen Anführer und stürmt das Kapitol. Der politische Raum wird zum Schauplatz kollektiver Gewalt. Rienzi und Irene kommen in den Flammen ums Leben, ebenso Adriano, der im letzten Moment zu Irene zurückkehrt. Mit dem Tod Rienzis endet nicht nur die Herrschaft eines Einzelnen, sondern auch der Versuch, eine auf Zustimmung gegründete, gerechte Ordnung gegen etablierte Machtstrukturen durchzusetzen.

Historisches
In Karlsruhe dauerte es fast 30 Jahre bis zum 08.02.1871, bis man Rienzi zum ersten Mal spielte. Immerhin 155 Jahre vor Bayreuth. Die erhaltene Karlsruher Partitur soll laut BNN Bayreuth zur Rekonstruktion der verlorenen Originalpartitur gedient haben, denn Cosima Wagner arbeitete persönlich für von Felix Mottl dirigierte Karlsruher Aufführungen 1888 und 1893 Änderungen und Ergänzungen aus Wagners Original ein.

(Quelle: hier bei der BLB)


Was ist zu beachten?
Das historische Vorbild Cola di Rienzo (*1313 †1354) war ein ehrgeiziger, politisch geschickter, aber letztlich gescheiterter Machtmensch des spätmittelalterlichen Rom. Er trat als Gegner der Adelsgewalt auf, gewann zeitweise breite Zustimmung, verlor aber durch seine Schwäche im Regieren, seine Konflikte mit den Eliten und die Instabilität seiner Stellung rasch wieder an Rückhalt.
Wagners Rienzi (inspiriert durch einen Roman von Edward Bulwer-Lytton) ist etwas anderes: eine große tragische Figur. Er steht für den Willen zur Ordnung, für politische Erhebung und für die Hoffnung auf ein gerechtes Gemeinwesen. Zugleich ist er von Anfang an überhöht, fast monumental gezeichnet, als Mann mit Sendungsbewußtsein und moralischem Anspruch. Der historische Mensch wirkt damit eher wie ein politischer Akteur mit taktischem Kalkül, Ehrgeiz und begrenzter Macht. Die Opernfigur dagegen ist der idealisierte Tribun, der das Volk befreien will und gerade an der Logik von Macht, Erwartungen und Verrat zugrunde geht. Wagner macht aus Geschichte ein politisches Drama über Führung, Legitimation und den Zerfall der Ordnung. Die Opernfigur ist positiv überhöht, eine tragische Führungsfigur, die Ordnung, Recht und Gemeinwohl gegen die aristokratische Gewalt setzt und am eigenen Anspruch zerbricht. Doch Rienzi als Figur zwischen Politik und Populismus  sollte gerade nicht das Thema der Bayreuther Inszenierung sein.

Was ist zu sehen?
Bühne und Kostüme bewegen sich in einem weiß-grau-schwarzen Dreiklang, Farbe ist selten, der Erinnerungswert gering.
Wer erwartet hatte, daß das Regie-Team ein maßgebliches, zeitgenössisch interessantes Plädoyer für Wagners Oper zeigen würde, erlebte gestern eine enttäuschende Überraschung. Die Oper spielt im Hier und Heute, Mobiltelefone und Bildschirme sind omnipräsent, doch man erzählt keine politische Parabel. Es gibt drei Handlungszweige: die politisch-kriegerische Handlung, die zwar den größten Teil der Oper vereinnahmt, aber letztendlich nicht im Zentrum steht, eine psychische Labilität bei Rienzi und eine inzestuöse Verstrickung, die die Schlußpointe bildet. Die enge familiäre Bindung zwischen Rienzi und seiner Schwester Irene rückt am Anfang und Ende der Oper in den Mittelpunkt. Die Regie erfindet eine inzestuöse Beziehung, während der Ouvertüre bedrängt Rienzi seine Schwester, die ihn aber zurückweist. Und Rienzis und Irenes schwer kranker kindlicher Bruder (oder doch ihr Kind?) stirbt. Die Oper beginnt nicht mit der Entführung Irenes, sondern mit einem Social Media Skandal: Rienzi - einer der drei Kandidaten um ein politisches Amt - wird genau diese Nähe zur Schwester unterstellt. Der in Irene verliebte Adriano schafft sie aus der Welt und wird Teil von Rienzis Kampagne. Der Wahlsieger Rienzi scheint unter Wahnvorstellungen zu leiden, während der Siegeszeremonie öffnet sich der Himmel, Rienzi erlebt die Vision eines christlichen Wunders - das tote Kind mit Jesus' Wundmalen steigt herab. Ein Handlungsfaden, der sich am Premierenabend nicht erschloß. Originell ist die Beibehaltung der Ballettmusik, die während dem Festakt für eine Pantomime genutzt wird: Richard Wagners Werke werden im Schnelldurchlauf aufgeführt - eine durchaus augenzwinkernde Hommage an die Grand Opéra. Das Attentat und der Bürgerkrieg werden solide gezeigt, Rienzi exekutiert eigenhändig Orsini und Colonna und zeigt die Hybris des Pyrrhussiegers. Die bekannte Gebetsszene wird wesensfremd gebrochen, der traumatisierte Rienzi ist alkoholisiert und denkt an Selbstmord. Dann wird es wild: erneut rückt die Beziehung Rienzi - Irene in den Mittelpunkt. Rienzi fordert Irene auf, ihn zu erstechen, was diese auch tut. Anschließend schneidet sie sich die Pulsadern auf. Kein Kapitol brennt, der bereits blutende Rienzi stirbt, umgeben von einer wütenden Menge und erlebt wieder eine himmlische Vision. Und noch ein Wunder - die totgeglaubte Irene wird zur Freude Adrianos in dem Moment wieder lebendig, als Rienzi tot ist - beide überleben. Der Vorhang fällt und mancher Zuschauer wird sich gefragt haben: was hat denn nun das Regie-Team hier erzählen wollen? Der starke rote Faden fehlt, es liegen Handlungsfäden nebeneinander, die nicht eindeutig zusammenpassen und unzureichend im Konstrukt erscheinen. Szenisch ist das kein Plädoyer für dieses Werk.

Was ist zu hören?
Rienzi hat gefährliche Längen, angesichts knapp fünf Stunden Musik plädierte Christian Thielemann bereits 2013 für eine "kluge Strichfassung, die das Ganze erträglich macht". Eine kanonische Fassung gibt es nicht, die Produktionen unterscheiden sich oft. Die neue Bayreuther Version ist diskutabel, manches klingt redundant, Kürzungen und Umstellungen schaffen nicht immer einen konstanten Handlungsfluß. Aber was aus dem Orchestergraben kommt, ist beachtenswert. Dirigentin Nathalie Stutzmann kann immer wieder zulegen und die Handlung musikalisch verdichten, ohne die gute Durchhörbarkeit und das Zusammenspiel mit den Stimmen zu beeinträchtigen. Auch sängerisch kann die Produktion überzeugen, Sänger und Chor zeigen starke Präsenz. Was den Abend prägt, ist weniger ein einheitlicher Klangrausch als die Differenzierung der Stimmen. Andreas Schager singt den  Rienzi mit seiner typischen Mischung aus tenoraler Kraft und sicherer Höhe, die Spannkraft der Stimme schien im letzten Teil eine kurze Schwächephase zu haben, der Ton war kurz weniger fokussiert, darstellerisch war seine Figur von einer nervösen Unruhe geprägt. Gabriela Scherer gestaltet eine zurückhaltende, teils erstarrte Irene mit geradlinigen Tongebung und Leuchtkraft. Jennifer Holloway singt den Adriano mit starker dramatischer Präsenz bei stets kontrollierter Linienführung. Andreas Bauer Kanabas bringt als Steffano Colonna ein solides, kerniges Baßbaritonfundament ein, Michael Nagy zeichnet den Paolo Orsini mit geschmeidiger Baritonfarbe und präziser Textartikulation. Vitalij Kowaljow bringt für Kardinal Raimondo das nötige tiefe Fundament und eine ruhige Autorität mit. Der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Chor hatte viel zu tun und trug wesentlich die Vorstellung. Insgesamt zeigt sich ein Ensemble, das die vokalen Extreme von Wagners Frühwerk nicht ausstellt, sondern in eine dramatische Ordnung bringt. Das ist kein Abend der Überwältigung um jeden Preis, sondern einer der sorgfältig gewählten stimmlichen Profile.

Fazit: Leeres Stroh laut gedroschen. Rienzi wird kommendes Jahr nicht wieder aufgenommen. Nach dieser Inszenierung scheint es angemessen, diese Oper als einmaliges Jubiläumsexperiment wieder aus dem Festspielhaus zu verbannen.

PS: Für alle, die die Vorstellung in Bayreuth noch besuchen: Der erste Teil hat eine Spielzeit von zwei Stunden, der zweite dauert 45 Minuten, der dritte 55. Eine reine Spielzeit von ca. drei Stunden, vierzig Minuten plus der zwei üblichen einstündigen Pausen.

Besetzung und Team:
Cola Rienzi, päpstlicher Notar: Andreas Schager
Irene, seine Schwester: Gabriela Scherer
Steffano Colonna, Haupt der Familie Colonna: Andreas Bauer Kanabas
Adriano, sein Sohn: Jennifer Holloway
Paolo Orsini, Haupt der Familie Orsini: Michael Nagy
Kardinal Raimondo, päpstlicher Legat: Vitalij Kowaljow
Baroncelli: Matthias Stier
Cecco del Vecchio: Michael Kupfer-Radecky
Ein Friedensbote: Victoria Randem

Musikalische Leitung: Nathalie Stutzmann
Chorleitung: Thomas Eitler-de Lint
Regie, Bühne und Kostüme: Alexandra Szemerédy, Magdolna Parditka
Licht: Bernd Gallasch
Video: Leonard Koch

2 Kommentare:

  1. Eine hervorragende Rezension, ausführlich begründet und nachvollziehbar im Detail. DANKE. Man kann sich nun ein besseres Bild von dieser Inszenierung machen. P.S. Ich glaube, im elften Satz muss es heißen "begingen den Kardinalfehler" statt "begannen den Kardinalfehler".

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    1. Vielen Dank für Ihre freudlichen Worte und den Hinweis auf das Verb, das ich korrigiert habe.

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