Brahms-Diptychon als beeindruckender Kraftakt
Wer dabei war, wird sich erinnern: am 01.11.2020, am Vorabend der Schließung der Theater im Zuge der Covid-Beschränkungen spielte Gerhard Oppitz in einem unvergesslichen Konzert im Konzerthaus alle fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven in einem über vierstündigen Konzertabend. Oppitz kehrte nun gestern zurück, um sich einer anderen künstlerischen Herausforderung zu stellen: Ein Abend mit beiden monumentalen Klavierkonzerten von Johannes Brahms, die sich in Stimmung und Ausdruck markant unterscheiden und gestern beeindruckend als ungleiche Zwillinge präsentiert wurden.
Das 1. Konzert d‑Moll op. 15 wurde 1859, das 2. Konzert B‑Dur op. 83 1881 uraufgeführt, Johannes Brahms selbst spielte bei beiden Uraufführung den Klavierpart. Beide unterscheiden sich und sind doch typisch Brahms. Gestern konnte man hören, das beide als großflächige symphonisches Gebilde die markante Orchesterlinie mit pianistischem Tiefgang verbinden.Das frühe Konzert ist dramatischer und konfliktreicher, Oppitz spielte es als monumentalen Seelenmonolog, die Musik wirkt wie ein innerer Kampf, voller Aufruhr, Ernst und Trauer, als ob Robert Schumanns Zusammenbruch und Tod einen zentralen Einfluß hatte. Der Kopfsatz war bei Oppitz ein Stück größtmöglicher Kontraste: wild und aufrührerisch, dann wieder trauernd und von feierlichem Ernst, mit sprunghaften dynamischen Wechseln und überraschenden Wendungen , im Gesamteindruck leidenschaftlich, nervös und spannungsgeladen.
Das spätere Konzert war gestern hörbar in großen Bögen angelegt, nicht als Abfolge leidenschaftlicher Episoden wie das Erste, sondern als weit ausschwingende, reflektierende Erzählung, die gestern lyrisch‑symphonisch und nach innen nostalgisch klang, hell und heiter schon in den romantischen Horntönen zu Beginn; insgesamt wirkt es entspannter, großräumiger, gelassener und weniger eruptiv, aber auch differenzierter, kunstvoller, subtiler. Nach dem äußeren Drama unf der Selbstbehauptung des 1. Konzerts war das 2. ein innerer Monolog, komponiert als Memoiren einer gereiften Persönlichkeit.
Gerhard Oppitz spielte beide Klavierkonzerte souverän mit künstlerischem Charisma. Er modellierte die thematischen Linien mit großer Ruhe und architektonischem Plan und entwickelte Spannung ohne je in episodische Zergliederung zu verfallen. Das Adagio des ersten Satzes geriet zum stillen Zentrum des Abends: Oppitz ließ die Atmosphäre in einer fast kammermusikalischen Innigkeit, abgeklärt, mit einer, kontemplativen Qualität erklingen, die nachwirkte.
Unter der Leitung eines umsichtig gestaltenden Georg Fritzsch musizierte die Badische Staatskapelle mit transparentem Klang, der Brahms’ oft dichtes Orchester durchhörbar machte. Die Holzbläser überzeugten durch farbliche Differenzierung und präzise Artikulation, die Balance zwischen Solist und Orchester funktionierte, keine Seite drängte sich in den Vordergrund, vielmehr entstand das erforderliche musikalisches Gespräch. Das Orchester folgte Oppitz’ interpretatorischem Ansatz mit hoher Aufmerksamkeit und Flexibilität.
Fazit: Bravo an alle! Das Brahms-Diptychon wird vielen, wie auch schon zuvor der Beethoven-Marathon, lange in wunderbarer Erinnerung bleiben.
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