Pittoreske Entschleunigung
Anläßlich des 50. Todestags von Benjamin Britten (*1913 †1976) hat sich das Badische Staatstheater nicht für Peter Grimes oder den Tod in Venedig entschieden, die beide zu Beginn des letzten Jahrzehnts in Karlsruhe zu hören waren, nicht für eines der in Karlsruhe überfälligen Werke wie Gloriana oder Billy Budd oder die beeindruckende The Turn of the Screw, sondern für den sehr subtilen, aber auch zur Sprödigkeit neigenden A Midsummer Night’s Dream (UA 1960), bei dem der Regisseur den Traum im Titel ernstnahm und eine phantasievolle, aus der Musik behutsam entwickelte Inszenierung präsentiert, die bei der gestrigen Premiere so homogen musiziert und gesungen wurde, daß man eigentlich niemanden hervorheben möchte - mit Ausnahme des Cantum Juvenum, dessen Kinder gestern schöne Szenen hatten.
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2024/2025 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
Montag, 18. Mai 2026
Britten - A Midsummer Night’s Dream, 17.05.2026
Sonntag, 1. Februar 2026
Mazzoli - Breaking the Waves, 31.01.2026
"Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr."
Ein klassisches Motiv der romantischen Oper ist die Frau, die sich für den geliebten Mann opfert oder ihr Leben ganz in seinen Dienst stellt, bspw. Senta schwört dem Fliegendem Holländer Treue bis zum Tod und stürzt sich am Ende ins Meer, um ihn durch ihre Treue zu erlösen; Gilda in Rigoletto läßt sich anstelle des unsympathischen Herzogs von Mantua töten und opfert so bewußt ihr Leben für den Mann, den sie liebt; Liu in Puccinis Turandot liebt den Prinzen Kalaf und ersticht sich selbst, damit sie seinen Namen nicht verrät und er überlebt. Auch in Breaking the Waves opfert sich die gläubige, etwas naive weibliche Hauptrolle, um ihren Mann zu retten, aber was romantisch mit dem Opfertod endet, hat auch eine starke psychologische Komponente und behauptet eine altmodische gesellschaftskritische Relevanz. Nun kennt man das aus dem deutschen Regietheater der letzten Jahrzehnte: romantische Opern werden dekonstruiert, psychologisiert und neu zusammengesetzt, die Selbstaufopferung wird weniger verherrlicht als problematisiert; Das Ergebnis wirkt auf das Publikum oft gezwungen, verzerrt und verkrampft (aktuelles Beispiel: Lohengrin). Bei Breaking the Waves geht die Karlsruher Regie nun seltsamerweise den entgegengesetzten Weg: die arg konstruiert wirkende Handlung der Oper wird entpsychologisiert und romantisiert, die psychisch labile Hauptfigur wird entlastet und verklärt - das Ergebnis wirkt für manche Opernkenner ein wenig wie eine Parodie. Inszenatorisch mag die Oper etwas schlicht geraten sein, doch vor allem sängerisch trumpfen Martha Eason und Tomohiro Takada in einem homogenen Ensemble groß auf!
Sonntag, 5. Oktober 2025
Rameau - Les Boréades, 04.10.2025
Spätbarocke Ballett-Oper im Dienste anti-absolutistischer Aufklärung
Vieles ist bemerkenswert an Rameaus letzter Oper Les Boréades. Zuerst, daß man nun in Karlsruhe endlich erstmals französischen Barock präsentiert bekommt, der sich von dem bei den jährlichen Händel-Festspielen musizierten italienischen Stil u.a. darin unterscheidet, daß er sich am höfischen Geschmack von Versailles orientierte, einen Hang zu Prunk und festlichen Tableaus übernahm und die fünfaktig strukturierte Oper als frühes Gesamtkunstwerk auch oft viele Tanzeinlagen, Chöre und Divertissements hatte. Auf lange Da-capo-Arien wurde zudem zugunsten kürzerer Arien verzichtet und Kastraten kamen kaum zum Einsatz. Wie fremd diese Stilrichtung in Deutschlands Opernhäusern geblieben ist, kann man bspw. daran erkennen, daß der Karlsruher Operndirektor Christoph von Bernuth an seiner früheren Wirkungsstädte die deutsche Erstaufführung der Boreaden über 250 Jahre nach der Entstehung inszenierte, die nun als Übernahme auch am Staatstheater vom Publikum bewundert werden kann. Vieles war bemerkenswert an der sehr gelungen gestrigen Premiere, insbesondere die bravourös auftrumpfenden Sängerinnen Anastasiya Taratorkina und Martha Eason, der von Dirigent Attilio Cremonesi mit der Badischen Staatskapelle in historisch informierter Aufführungspraxis zelebrierte Barockklang, Solisten, Chor und Tänzer. Der Mut zur Rarität wurde gestern mit viel Jubel belohnt.
Sonntag, 8. Dezember 2024
Strauß - Die Fledermaus, 07.12.2024
Heute ist mehr Lametta
Gute Vorstellungen nehmen die Zuschauer bekanntlich auf eine Reise mit, bei der Ankommen und Unterwegssein dasselbe sind. Das werden vielleicht gestern insbesondere die Zuschauer so empfunden haben, die Die Fledermaus kennen und über die Jahre schon öfters gehört und gesehen haben. In Karlsruhe hat man nun immerhin die dritte Fledermaus in weniger als 25 Jahren bzw. die vierte in vier Jahrzehnten. Pavel Fiebers Inszenierung 2001/2002 war so beliebt und unterhaltsam wie das Regie-Elend vor elf Jahren humorfrei und erfolglos. Gestern nun erzielte die Premiere der neuen Produktion einen schönen Publikumserfolg und indem man schnell musikalisch, sängerisch und szenisch präsent war und auf den Punkt kam, ermöglichte man den Zuschauern schon von Beginn an, anzukommen und sich insbesondere mit den grandiosen Sängern und Musikern zu freuen, die voller Engagement und Spielfreude erreichten, was lange Jahre nur selten gelang: ein lachendes und gut gelauntes Publikum. Bravo!
Sonntag, 13. Oktober 2024
Donizetti - Don Pasquale, 12.10.2024
Vergnügtes Sängerfest
Wenn man Zweck und Mittel vertauscht, entsteht oft Zynismus. Im vergangenen Jahrzehnt wurden die Sänger oft zum Mittel reduziert zum Zwecke der Inszenierung und Selbstdarstellung von Regie und Intendanz. Beim neuen Don Pasquale ist die Inszenierung das Mittel zum Zweck von Musik und Gesang. Die Karlsruher Produktion von Donizettis gediegenem Klassiker ist als Buffa ganz aus dem Geiste der Musik inszeniert und ein Sängerfest für ein bemerkenswert auftrumpfendes Quartett. Die gelungene Premiere wurde mit viel Applaus für alle Beteiligten belohnt.