Sonntag, 1. Februar 2026

Mazzoli - Breaking the Waves, 31.01.2026

"Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr."
Ein klassisches Motiv der romantischen Oper ist die Frau, die sich für den geliebten Mann opfert oder ihr Leben ganz in seinen Dienst stellt, bspw. Senta schwört dem Fliegendem Holländer Treue bis zum Tod und stürzt sich am Ende ins Meer, um ihn durch ihre Treue zu erlösen; Gilda in Rigoletto läßt sich anstelle des unsympathischen Herzogs von Mantua töten und opfert so bewußt ihr Leben für den Mann, den sie liebt; Liu in Puccinis Turandot liebt den Prinzen Kalaf und ersticht sich selbst, damit sie seinen Namen nicht verrät und er überlebt. Auch in Breaking the Waves opfert sich die gläubige, etwas naive  weibliche Hauptrolle, um ihren Mann zu retten, aber was romantisch mit dem Opfertod endet, hat auch eine starke psychologische Komponente und behauptet eine altmodische gesellschaftskritische Relevanz. Nun kennt man das aus dem deutschen Regietheater der letzten Jahrzehnte: romantische Opern werden dekonstruiert, psychologisiert und neu zusammengesetzt, die Selbstaufopferung wird weniger verherrlicht als problematisiert; Das Ergebnis wirkt auf das Publikum oft gezwungen, verzerrt und verkrampft (aktuelles Beispiel: Lohengrin). Bei Breaking the Waves geht die Karlsruher Regie nun seltsamerweise den entgegengesetzten Weg: die arg konstruiert wirkende Handlung der Oper wird entpsychologisiert und romantisiert, die psychisch labile Hauptfigur wird entlastet und verklärt - das Ergebnis wirkt für manche Opernkenner ein wenig wie eine Parodie. Inszenatorisch mag die Oper etwas schlicht geraten sein, doch vor allem sängerisch trumpfen Martha Eason und Tomohiro Takada in einem homogenen Ensemble groß auf!

Worum geht es?
Die Oper (UA 2016) der amerikanischen Komponistin Missy Mazzoli (*1980) basiert auf dem 1996 erschienen gleichnamigen Film des Regisseurs Lars von Trier.
Ort und Zeit: an der schottischen Küste in den 1970er. 
Handlungskonstruktion: Die junge, psychisch labile, aber herzensgute Bess McNeill heiratet trotz großer Skepsis ihres Umfelds (eine seltsame bigott-religiöse Sekte) den Norweger Jan Nyman, einen Arbeiter von der Bohrinsel vor der Küste. Nach ihrer Hochzeit muss Jan wieder auf See arbeiten. Die religiöse Bess leidet unter der Trennung und bittet Gott um seine schnelle Rückkehr. Sie wird erhört. Jan kehrt aufgrund eines schweren Unfalls querschnittsgelähmt zurück. Bess fühlt sich schuldig und hegt die Wahnvorstellung, ihr Gebet für Jans Heimkehr sei die Ursache und der Unfall eine göttliche Prüfung. Jan, der als Pflegefall nur bedingt im Besitz seiner geistigen Kräfte und ans Bett gefesselt ist, fordert von Bess, sie solle sich mit anderen Männern sexuell einlassen und ihm davon erzählen, um so seine Lebensfreude aufrecht zu erhalten. Aus Liebe, als Buße und im festen Glauben, ihn heilen zu können, folgt Bess schließlich seinem Wunsch und geht sexuelle Affären ein, die sie ihrem Mann erzählt, quasi ein auditiver Voyeurismus. Die Affären bleiben nicht unbemerkt. Bess' Mutter, Bess' Freundin und der Arzt versuchen vergeblich, sie von Jans Unzurechnungsfähigkeit zu überzeugen und sie von ihrem Wahn abzubringen. Die Dorfgemeinschaft verurteilt die vermeintlich promiskuitive Ehebrecherin und ächtet sie gesellschaftlich. Bess' Verhalten wird zunehmend selbstzerstörerisch, sie  bietet sich quasi als kostenlose Prostituierte dubiosen Kriminellen an, die sie töten. Jan wird nach Bess' Tod auf wundersame Weise gesund und verhilft Bess zu einer würdigen Seebestattung, während wie bei einem Wunder Kirchenglocken erklingen. 

Was ist zu beachten (1)?
Breaking the Waves ist ein psychologisches Werk, die Oper lebt ganz von der labilen Persönlichkeit ihrer Hauptfigur, die sich verantwortlich fühlt für ein Ereignis, das außerhalb ihres Einflußes liegt und übermäßige Schuldgefühle entwickelt. Solche Schuldgefühle beruhen nicht auf Fakten, sondern  auf Bewertungen, inneren Regeln und einem übersteigerten Verantwortungsgefühl. Die zentrale Grundlage der Gewissensbildung soll u.a. im Eltern‑Kind‑Verhältnis liegen. Je strenger, widersprüchlicher oder moralisch aufgeladener Regeln vermittelt werden, desto leichter kommt es zu übermäßigen oder unangemessenen Schuldgefühlen. Werden Normen zu starr vermittelt oder unreflektiert übernommen, kippt diese Funktion: Schuldgefühle werden chronisch, überzogen oder richten sich gegen die eigene Person statt auf konkretes Verhalten. Bess' Schuldgefühl scheint aber auch einem Kontrollbedürfnis zu entspringen: lieber fühlt sie sich schuldig, als daß die Welt völlig zufällig und bedrohlich ist. Die unlogische Vorstellung, Gedanken oder Wünsche könnten Ereignisse in der Realität bewirken, sind eine kognitive Verzerrungen, ein magisches Denken. Die selbst auferlegte Buße der sexuellen Promiskuität verursacht wiederum Schuldgefühle, weil man gesellschaftliche Normen verletzt: eine verheiratete Frau eines Krüppels geht ständig fremd. Hinzu kommen bei Bess masochistische Tendenzen – im Sinn von Selbstbestrafung und Selbstsabotage, um ihre vermeintliche Schuld zu sühnen, quasi ein moralischer Masochismus der sich als sexueller Masochismus darstellt. Wenn man diese Handlung wirklich Ernst nehmen wollte, müsste bspw. die Mutter und das engste familiäre Umfeld im Fokus der Kritik stehen. Hier setzt das Problem dieses Werks ein: Da die Mutter Teil einer seltsamen religiösen Sekte, wird die Strenge und Bigotterie der Gemeinde in Szene gesetzt, aber die Mutter ist nur eine kleine Nebenrolle. Wenn man diese Oper psychologischer angehen wollte, bräuchte man eine starke, dämonische  Konfliktperson wie die Mutter, an der sich die Tochter reiben kann. So verstörend die Sektenältesten auch wirken, die Ursache für Bess' psychische Probleme sind sie nicht. 

Was ist zu beachten (2)?
Die Passionsgeschichte - also das Leiden und Opfer Jesu Christi - dient in Breaking the Waves als zentrale Deutungsfolie für Bess’ Schicksal und ihre radikale Opferbereitschaft. Bess entscheidet sich freiwillig in einem tief religiös motivierten Akt der Liebe dazu, ihr Ansehen, ihre Würde und letztlich ihr Leben für das Wohlergehen ihres Mannes Jan zu opfern. Bess' Handeln folgt dabei einem spirituell konnotierten Märtyrertum, das an Christi Bereitschaft erinnert, für andere zu leiden. Ihre Opferbereitschaft erwächst aus radikaler Nächstenliebe und Zwiesprache mit Gott, sie glaubt, daß ihr Leiden das Heil (in diesem Fall die Heilung Jans) bewirken kann. Wie in der christlichen Passionsgeschichte wird Bess für ihre Taten nicht belohnt, sondern - die Handlung benötigt fehlende Diskretion und Privatheit - gesellschaftlich geächtet, ausgegrenzt und am Ende zerstört. Die Handlung kontrastiert Bess‘ selbstlose Geste mit dem nachvollziehbaren Unverständnis ihres Umfelds. Dennoch erfährt ihr Opfer posthum eine Art Heiligsprechung: Jans wundersame Heilung und das Glockengeläut symbolisieren eine göttliche Bestätigung und legen nahe, dass ihr Leiden einen transzendenten Sinn hatte. Ihr Tod wird so nicht als tragisches Scheitern, sondern als Akt begriffen, der einen größeren Sinn stiftet. Die Regie greift das im Schlußbild tatsächlich auf, himmlische Glocken ertönen, die Gemeinde wird in dieser Inszenierung Zeuge eines Wunders, manche werden sich an die eingangs zitierte Stelle der Bergpredigt erinnert fühlen. Bess' verdrehtes "Martyrium" ist aber nicht die Folge eines äußeren Zwangs, sondern einer Wahnvorstellung, die religiös gerechtfertigt wird. Eine Rekonstruktion des Wahns und Fokus auf Bess' psychische Probleme hätte inszenatorisch mehr bewirken können.

Was ist zu sehen?
Entlang der kompletten Bühnenbreite sind fünf nebeneinander und aneinandergrenzende Räume gebaut, eine lange Zimmerflucht, durch die sich die Figuren bewegen und die teilweise parallel Handlungselemente zeigen. Überhalb dieser Zimmer ist noch eine Spielfläche, die durch ein metallenes Geländer gesichert ist und als Bohrplattform, Schiff und andere Außenplätze dient. Das Leben an der Küste ist rau und hart, bei Bühne und Kostüme dominieren Grau und Schwarz, nur Bess will mit einem roten Kleid der Tristesse etwas entgegensetzen. Was bei Poulencs Karmeliterinnen nicht funktionierte, ist hier konsequent umgesetzt: Die Regie vertraut der Handlung und erfindet keine zusätzlichen Elemente hinzu, die Personenregie will dem Publikum beim Kennenlernen dieser Oper keine Hindernisse in den Blick stellen. Aber auch psychologisch wird die Handlung wie oben beschrieben nicht hinreichend durchleuchtet, sondern eine wenig starr erzählt.
Vulgär ist, wer Privates und Intimes zur Bühne macht und einem Publikum aufdringlich zur Schau stellt. Die Karlsruher Inszenierung ist weder ordinär noch grenzverletzend oder gar obszön, die sexuellen Handlungen werden angedeutet, es gibt minimale Anzüglichkeiten, die Nacherzählung der sexuellen Eskapaden am Krankenbett sind sehr knapp gehalten und ohne jede beschönigende Erotik.

Was ist zu hören?
Im Orchestergraben des Kleinen Hauses sitzen ca. 18 Musiker: Streicher, Holz und Blech kommen zum Einsatz, dazu Harfe, Keyboard und E-Gitarre sowie ein Schlagzeuger, der diverse Instrumente und bspw. auch Akkordeon spielt. Die Komposition ist gut konsumierbar, handwerklich gekonnt, abwechslungsreich und stets atmosphärisch dicht, gelegentlich erinnert die Musik an Benjamin Britten. Die Musik ist begleitend und untermalend, das gesungene Wort geht vor, die Musik drängt sich weder in den Vordergrund noch eröffnet sie Unterbewußtes. Viele interessante und hörenswerte Opern verschwinden wieder von den Spielplänen, weil musikalisch beim Publikum oft zu wenig hängen bleibt. Opern müssen emotional oder theatral zünden, sei es durch prägnante Arien, Ensembles und Themen oder durch eine integrative Kraft, durch die sich Musik, Text und Szene gegenseitig tragen. Vielen weniger erfolgreichen Opern fehlt nicht nur die berühmte Melodie, sondern eine Kombination aus merkfähigen musikalischen Knotenpunkten, dramatischer Schlagkraft und Anschlußfähigkeit an den jeweiligen Zeitgeschmack. Bei Breaking the Waves bleibt akustisch kaum etwas im Ohr hängen, dramatische Zuspitzungen fehlen, man bewegt sich um ein Mittel, und auch thematisch kann man bezweifeln, daß sich diese Oper halten kann.

Star des Abend ist Martha Eason, die am Ende der Spielzeit anscheinend das Ensemble verläßt, um als freiberufliche Sängerin ihren Weg zu gehen. In der imaginären Oscar-Verleihung für die stärksten künstlerischen Leistungen der Spielzeit, ist sie nach dieser Rolle Favoritin für die beste Hauptdarstellerin der Saison. Als Bess singt sie nicht nur beindruckend, sondern schafft es auch, die Grenzerfahrungen dieser Figur auf ihrer Opferreise verblüffend anschaulich darzustellen. BRAVO! Tomohiro Takada als ihr Partner Jan glänzt mit seinem kraftvollen Kavalierbariton, in den kleineren Rollen überzeugen Marie-Sophie Janke, Barbara Dobrzanska, Matthias Wohlbrecht, Oğulcan Yılmaz, Liangliang Zhao, Luiz Molz, Harrie van der Plas sowie der sonore Männerchor.

Fazit: Eine interessante Novität, intensiv gesungen, plastisch musiziert und etwas zu brav inszeniert.

Besetzung und Team
Bess: Martha Eason
Jan Nyman: Tomohiro Takada
Dodo: Marie-Sophie Janke
Mother: Barbara Dobrzanska
Dr. Richardson: Matthias Wohlbrecht
Terry: Oğulcan Yılmaz
Councilman: Liangliang Zhao
Young Sailor: Harrie van der Plas
Sadistic Sailor: Luiz Molz

Badische Staatskapelle
Badischer Staatsopernchor
Musikalische Leitung: Ulrich Wagner
Regie: Christoph von Bernuth
Bühne: Oliver Helf
Kostüme: Tatjana Ivschina
Licht: Maximilian Decker

2 Kommentare:

  1. Lieber Honigsammler,
    ganz herzlichen Dank für Ihre Kritik. Die Oper ist wirklich zu gefällig und wie Sie schreiben, gibt es leider keinen Ohrwurm, der haften bleibt.
    Die Sängerinnen und Sänger dieser Produktion sind wirklich hervorragend. Da hat sich doch einiges getan bei der Verpflichtung von neuen. Schade nur, dass manche jetzt schon wieder gehen, sind sie doch zu neuen Lieblingen des Publikums geworden.

    Ich hoffe, Sie finden noch die Zeit, in "Itch" von J. Dove zu gehen, denn diese Oper hat alles, was man braucht, um eine Story voranzubringen. einen guten Plot, Spannung, verrückte Wendungen, Ohrwürmer en masse und sehr zu Herzen gehende Szenen, bei denen kaum ein Auge trocken bleibt. Und als absolutes Highlight hat das Theater hochkarätige Sängerinnen und Sänger engagiert, bei denen man glaubt, die Partie wäre ihnen auf den Leib geschnitten. Wirklich phänomenal.

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar und den Hinweis zu Itch. Wenn es eine "Erwachsenenvorstellung" geben sollte, kaufe ich mir sofort eine Karte. Was im Kinder- und Jugendtheater läuft ist meines Erachtens gerade nicht für ein generationengemischtes Publikum gedacht. Das gesellschaftliche Klima unterstellt ansonsten zu schnell anders motivierte Interessen.

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