Die erste Hitzeperiode des Jahres erreichte am Premierentag des neuen Rigoletto ihren Höhepunkt: gegen 9 Uhr wurde die 30°C Marke überschritten, um 19 Uhr zum Aufführungsbeginn waren es fast 40°C. Zu warm für den Autor dieser Zeilen, als daß ein Genuß möglich gewesen wäre. Rigoletto war zudem erst im letzten Jahrzehnt zuletzt in Karlsruhe zu hören.
Falls jemand der Hitze trotzte und die Impressionen der Premiere in Worte fassen wollte - gerne als Kommentar! War es kühl genug im Zuschauerraum?
Seit 1988 bin ich steter Besucher des Badischen Staatstheaters. Bei vielen Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettvorstellungen im Jahr und Besuchen in anderen Städten verliert man schon mal den Überblick. Dieser Tagebuch-Blog dient mir seit der Spielzeit 2024/2025 als elektronische Erinnerung. Bitte beachten Sie meine Intention: ich bin kein Journalist oder Kritiker, sondern schreibe hier lediglich persönliche Eindrücke, private Ansichten und Vermutungen für mich und Angehörige nieder.
Samstag, 27. Juni 2026
Verdi - Rigoletto, 27.06.2026 - Hitzefrei
Montag, 18. Mai 2026
Britten - A Midsummer Night’s Dream, 17.05.2026
Pittoreske Entschleunigung
Anläßlich des 50. Todestags von Benjamin Britten (*1913 †1976) hat sich das Badische Staatstheater nicht für Peter Grimes oder den Tod in Venedig entschieden, die beide zu Beginn des letzten Jahrzehnts in Karlsruhe zu hören waren, nicht für eines der in Karlsruhe überfälligen Werke wie Gloriana oder Billy Budd oder die beeindruckende The Turn of the Screw, sondern für den sehr subtilen, aber auch zur Sprödigkeit neigenden A Midsummer Night’s Dream (UA 1960), bei dem der Regisseur den Traum im Titel ernstnahm und eine phantasievolle, aus der Musik behutsam entwickelte Inszenierung präsentiert, die bei der gestrigen Premiere so homogen musiziert und gesungen wurde, daß man eigentlich niemanden hervorheben möchte - mit Ausnahme des Cantum Juvenum, dessen Kinder gestern schöne Szenen hatten.
Montag, 30. März 2026
Bellini - La Straniera, 29.03.2026
Umjubeltes Belcanto-Sängerfest mit Beigeschmack
Vorstellungen am Sonntagabend sind traditionell ein Angebot des Badischen Staatstheaters, das sich an Rentner und all jene richtet, die entweder wenig Schlaf benötigen oder Montagmorgens nicht in aller Frühe aufstehen und in eine neue Arbeitswoche starten müssen. Wenn man dann noch eine sehr selten gespielte, quasi unbekannte Oper wie La Straniera bringt, die zum Einsparen von Kosten als "Halbszenische Aufführung" angekündigt wird, auf Öffentlichkeitsarbeit verzichtet und gar nicht erst versucht, dem Publikum Sinn und Reiz zu vermitteln, dann hat man wirklich alles für eine mäßig besuchte Aufführung getan. Viele Plätze blieben bei der gestrigen Premiere leer und auch für die folgenden Vorstellungen sind (noch) mehr Plätze frei als vergeben. Diese Lieblosigkeit im Umgang mit dem eigenen Angebot ist eines der vielen Probleme, das Intendant Firmbach bisher nicht in den Griff bekommen hat. Wer sich die Opernbegeisterung hingegen nicht nehmen ließ, der erlebte gestern musikalische Raffinesse und vokale Eleganz, bei der sich exzellente Stimmen zu einem harmonischen Klangbild verbanden und Belcanto erlebbar wurde. Für Opern-Fans lohnt sich jede Rarität, doch besonders wenn sie so engagiert gesungen und musiziert wird wie bei der gestrigen Premiere von La Straniera. Man kann nur hoffen, daß sich nicht zu viele Zuschauer abschrecken lassen, bereits die erste Rarität der Spielzeit Les Boréades entwickelte sich vom Geheimtipp zum Publikumserfolg, La Straniera ist dies ebenfalls zu wünschen.
Samstag, 21. Februar 2026
Händel - Tamerlano, 20.02.2026
Gekoppelt gedoppelt
Tamerlano gilt als eine von Händels bedeutendsten Opern und insbesondere aufgrund des Finales als Händels düsterste und grimmigste Oper, die mehrere Konventionen der Barockoper durchbricht. Die rezitativreiche Handlung zieht sich wie eine Schlinge immer weiter zu. Die Hauptfigur Bajazet ist eine Tenorpartie - ungewöhnlich für das damalige Opernfeld, das von Kastraten dominiert war; Bajazets Tod kurz vor Ende der Oper gilt als einer der tragischen Höhepunkte in Händels Opernschaffen und überschattet das üblicherweise glückliche Ende der Barockoper. Die neue Karlsruher Inszenierung setzt auf medial-filmische Schaueffekte und lebt von starken Sänger, die in Großaufnahmen auch als Schauspieler überzeugen können, sowie vom Altmeister barocker Aufführungspraxis René Jacobs und dem von ihm geleiteten Freiburger Barockorchester. Viel freundlicher Applaus und Bravos belohnten die gestrige Premiere.
Sonntag, 1. Februar 2026
Mazzoli - Breaking the Waves, 31.01.2026
"Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr."
Ein klassisches Motiv der romantischen Oper ist die Frau, die sich für den geliebten Mann opfert oder ihr Leben ganz in seinen Dienst stellt, bspw. Senta schwört dem Fliegendem Holländer Treue bis zum Tod und stürzt sich am Ende ins Meer, um ihn durch ihre Treue zu erlösen; Gilda in Rigoletto läßt sich anstelle des unsympathischen Herzogs von Mantua töten und opfert so bewußt ihr Leben für den Mann, den sie liebt; Liu in Puccinis Turandot liebt den Prinzen Kalaf und ersticht sich selbst, damit sie seinen Namen nicht verrät und er überlebt. Auch in Breaking the Waves opfert sich die gläubige, etwas naive weibliche Hauptrolle, um ihren Mann zu retten, aber was romantisch mit dem Opfertod endet, hat auch eine starke psychologische Komponente und behauptet eine altmodische gesellschaftskritische Relevanz. Nun kennt man das aus dem deutschen Regietheater der letzten Jahrzehnte: romantische Opern werden dekonstruiert, psychologisiert und neu zusammengesetzt, die Selbstaufopferung wird weniger verherrlicht als problematisiert; Das Ergebnis wirkt auf das Publikum oft gezwungen, verzerrt und verkrampft (aktuelles Beispiel: Lohengrin). Bei Breaking the Waves geht die Karlsruher Regie nun seltsamerweise den entgegengesetzten Weg: die arg konstruiert wirkende Handlung der Oper wird entpsychologisiert und romantisiert, die psychisch labile Hauptfigur wird entlastet und verklärt - das Ergebnis wirkt für manche Opernkenner ein wenig wie eine Parodie. Inszenatorisch mag die Oper etwas schlicht geraten sein, doch vor allem sängerisch trumpfen Martha Eason und Tomohiro Takada in einem homogenen Ensemble groß auf!
Sonntag, 25. Januar 2026
Poulenc - Dialogues des Carmélites, 24.01.2026
Das Mysterium des Glaubens
Was wäre das Christentum ohne seine Märtyrer? Die Handlung von Francis Poulencs (*1899 †1963) 1957 uraufgeführten Oper Dialog der Karmeliterinnen basiert auf der 1931 erschienen Novelle Die Letzte am Schafott der fast vergessenen deutschen Schriftstellerin Gertrud von le Fort (*1876 †1971), die wiederum auf wahren Begebenheiten beruht: Am 17. Juli 1794 wurden während der brutalsten Phase der französischen Revolution 16 Nonnen des Karmeliterinnen-Ordens in Paris durch die Guillotine hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, ihr Ordensgelübde zu brechen. Doch die Verfolgung von Christen ist kein Relikt vergangener Zeiten. Christen sind die weltweit am meisten bedrängte Glaubensgemeinschaft. Der Blutzoll ist hoch, doch die aktuellen Märtyrer- und Leidensgeschichten bleiben unerzählt. Auch in Europa gibt es Intoleranz und Diskriminierung gegen Christen, das Ausmaß antichristlicher Straftaten - Kirchenvandalismus, Brandstiftung und körperliche Gewalt gegen Priester - nimmt zu. Auch sonst fällt auf, daß Weihnachtsmärkte ebenso wie jüdische Feste potentielle Angriffsziele geworden sind, die mit hohem Aufwand geschützt werden müssen. Der Haß auf das Christentum und die Christenverfolgung erfolgen oft unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Von vielen Medien wird die religiöse Dimension von Konflikten heruntergespielt oder ignoriert; Man schaut gerne weg, um nicht verstehen zu müssen, wo die Realität nicht zum eigenen Wunschbild paßt.
Gestern gab es nun in Karlsruhe die Premiere eines Dialogs der Karmeliterinnen, die zu viel im Ungefähren beließ und die Handlung in eine nicht weiter ausgedeutete sozialistische Diktatur verlegt. Weil es der Regie nicht gelingt, ein überzeugendes Innen zu inszenieren, erfindet sie uninspiriert ein belangloses und nicht überzeugendes Außen hinzu, das der Oper nicht gut tut. Viele spannenden Momente verpuffen ideenlos. Dazu kommen uninspirierte Kostüme und eine unattraktive Bühne. Es ist den Sängerinnen und Musikern zu verdanken, daß diese wunderschöne Oper zumindest eine minimale Wirkung erzielte. Der Applaus war schnell endend wollend.
Montag, 1. Dezember 2025
La Dolce Vita (Ballett), 30.11.2025
Viel Applaus gab es beim gestrigen zweiteiligen Ballettabend mit Choreographien von Johan Inger und Kristina Paulin insbesondere für die Tänzer.
Montag, 17. November 2025
Wagner - Lohengrin, 16.11.2025
Korrelation ohne Kausalität ergibt Konturlosigkeit
Nachdem der vorangegangenen Interimsintendanz 2022 Der fliegende Holländer und 2024 Tannhäuser mißlangen, lag die Meßlatte für den neuen Lohengrin nicht allzu hoch. Operndirektor von Bernuth ist es bei seiner ersten Karlsruher Wagner-Produktion dennoch nicht gelungen, sich nach oben zu befreien. Was gestern bei der Premiere gezeigt wurde, ist erneut eine sinnschwach aufgepropfte Regiearbeit, die bestenfalls einen fragwürdigen voyeuristischen Wert hat: man verfolgt das dünn konstruierte Geschehen wie einen Unfall, bei dem man nicht wegblicken kann. Man kann einem Regisseur dabei zusehen, wie er sich verrennt, verirrt und sich zusehends in seinen Irrweg reinsteigert und dabei komplett die Fäden aus der Hand verliert. Dies wirkt sich auch sängerisch und musikalisch nicht vorteilhaft aus.
Montag, 13. Oktober 2025
Miller - Prima Facie, 12.10.2025
In den Niederungen des kommerziellen Pseudo-Attitüden-Theaters
Wer gerne schlecht konstruierte, schwach motivierte und klischeebeladene englische Justizdramen mag, dem könnte Prima facie eventuell gefallen. Für mitdenkende Zuschauer hingegen ergeben sich einige Kritikpunkte.
Sonntag, 5. Oktober 2025
Rameau - Les Boréades, 04.10.2025
Spätbarocke Ballett-Oper im Dienste anti-absolutistischer Aufklärung
Vieles ist bemerkenswert an Rameaus letzter Oper Les Boréades. Zuerst, daß man nun in Karlsruhe endlich erstmals französischen Barock präsentiert bekommt, der sich von dem bei den jährlichen Händel-Festspielen musizierten italienischen Stil u.a. darin unterscheidet, daß er sich am höfischen Geschmack von Versailles orientierte, einen Hang zu Prunk und festlichen Tableaus übernahm und die fünfaktig strukturierte Oper als frühes Gesamtkunstwerk auch oft viele Tanzeinlagen, Chöre und Divertissements hatte. Auf lange Da-capo-Arien wurde zudem zugunsten kürzerer Arien verzichtet und Kastraten kamen kaum zum Einsatz. Wie fremd diese Stilrichtung in Deutschlands Opernhäusern geblieben ist, kann man bspw. daran erkennen, daß der Karlsruher Operndirektor Christoph von Bernuth an seiner früheren Wirkungsstädte die deutsche Erstaufführung der Boreaden über 250 Jahre nach der Entstehung inszenierte, die nun als Übernahme auch am Staatstheater vom Publikum bewundert werden kann. Vieles war bemerkenswert an der sehr gelungen gestrigen Premiere, insbesondere die bravourös auftrumpfenden Sängerinnen Anastasiya Taratorkina und Martha Eason, der von Dirigent Attilio Cremonesi mit der Badischen Staatskapelle in historisch informierter Aufführungspraxis zelebrierte Barockklang, Solisten, Chor und Tänzer. Der Mut zur Rarität wurde gestern mit viel Jubel belohnt.