Gekoppelt gedoppelt
Tamerlano gilt als eine von Händels bedeutendsten Opern und insbesondere aufgrund des Finales als Händels düsterste und grimmigste Oper, die mehrere Konventionen der Barockoper durchbricht. Die rezitativreiche Handlung zieht sich wie eine Schlinge immer weiter zu. Die Hauptfigur Bajazet ist eine Tenorpartie - ungewöhnlich für das damalige Opernfeld, das von Kastraten dominiert war; Bajazets Tod kurz vor Ende der Oper gilt als einer der tragischen Höhepunkte in Händels Opernschaffen und überschattet das üblicherweise glückliche Ende der Barockoper. Die neue Karlsruher Inszenierung setzt auf medial-filmische Schaueffekte und lebt von starken Sänger, die in Großaufnahmen auch als Schauspieler überzeugen können, sowie vom Altmeister barocker Aufführungspraxis René Jacobs und dem von ihm geleiteten Freiburger Barockorchester. Viel freundlicher Applaus und Bravos belohnten die gestrige Premiere.
Ort und Zeit: Bei Tamerlano handelt es sich um den historischen Tartarenherrscher Timur (*1336 †1405), der mit groß angelegten Feldzügen ein kurzlebiges, aber weites Reich zwischen Indien und Anatolien eroberte.
Handlung: Tamerlano hat den osmanischen Sultan Bajazet besiegt und hält ihn zusammen mit seiner Tochter Asteria gefangen,. Obwohl er eigentlich mit der ihm unbekannten Prinzessin Irene verlobt ist, fordert er seinen Verbündeten Andronico auf, einerseits für ihn um Asterias Hand zu werben, ohne zu wissen, daß Andronico und Asteria ein Liebespaar sind, und andererseits Irene zu heiraten und dafür den Thron von Byzanz zu besteigen. Bajazet ist wütend, Andronico verzweifelt und Asteria eifersüchtig, während Irene, zunächst unerkannt und verkleidet als Botin, vor Tamerlano das Recht der verschmähten Braut einfordert und ins emotionale Gefüge eingreift. Andronico bekennt endlich offen vor Tamerlano seine Liebe zu Asteria, was diese heimlich mit anhört und das Liebesband der beiden festigt, aber Tamerlano in Zorn versetzt. Tamerlano läßt sich Intrigen und Widerspruch nicht bieten und droht mit harten Strafen. Asteria und Bajazet beschließen, sich notfalls mit Gift das Leben zu nehmen. Tamerlano degradiert Asteria zur Sklavin und zwingt sie, ihm als Dienerin Wein zu reichen; sie mischt das von Bajazet erhaltene Gift in den Becher. Irene erkennt die Situation, gibt sich endlich zu erkennen und verhindert das Attentat. Tamerlano will endlich durchgreifen, doch Bajazet kommt ihm in die Quere. Bajazets Todesszene schildert seinen Selbstmord, seinen Abschied von Asteria und seine verfluchende Ansprache an Tamerlano. Erschüttert von Bajazets Tod (oder erschöpft von dem ganzen Wirrwarr) verzeiht Tamerlano zu spät.
Historisches
Fast 200 Jahre waren Händels Bühnenwerke in Vergessenheit geraten, in Karlsruhe gab es mindestens eine Ausnahme als 1888 die Pastorale Acis und Galatea als Einakter zusammen mit Franz Schuberts Der häusliche Krieg auf die Bühne kam. Die Oratorien spielte man auch im 19. Jahrhundert, bspw. 1837 Der Messias in Mozarts Bearbeitung, 1848 Judas Maccabäus oder 1856 Das Alexanderfest.
Erst mit der Gründung der Händel-Festspiele in Göttingen kam es dort 1920 mit Rodelinda zu einer ersten Aufführung einer Händel-Oper nach fast zwei Jahrhunderten. In Karlsruhe wollte man dem Publikum dies nicht vorenthalten: 200 Jahre nach der Uraufführung gab es 1924 als erste Aufführung einen in deutsch gesungenen Tamerlano, den man damals sogar als "Uraufführung" bezeichnete, was darauf beruhen dürfte, daß man die Oper für damalige Orchester-Verhältnisse umkomponierte und die Stimmlagen der Figuren anpasste. Die Rolle des Tamerlano wurde bspw. statt mit einem Alt mit dem Bassisten Hermann Wucherpfennig besetzt (hier mehr Interessantes zu Hermann Wucherpfennig bei Wikipedia). 1930 folgte dann Alcina, dirigiert von Josef Krips.
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| Quelle: hier bei der BLB |
Was ist zu sehen?
Regie, Bühne, Kostüme und Video - alles aus einer Hand. Kobie van Rensburg zeigt eine virtuelle filmische Umsetzung ohne Bühnentiefe: Über eine Breite von ca. 10 Meter in einem Abstand von ca. sechs Metern hinter dem Orchestergraben befindet sich eine geteilte Leinwand. Die Sänger werden gefilmt und agieren kostümiert vor einem Bluescreen über dem man deren Projektion in einem filmischen Hintergrund als Schwarzweiß-Film anschauen kann. Als Zuschauer verfolgt man das Geschehen also als zweidimensional gekoppelte und gedoppelte Darstellung. Die statische Kamerastellung bewirkt statische Bühnenverhältnisse, die Sänger bewegen sich wenig. Da die Gesichter in Großaufnahme gezeigt werden, müssen sie um so mehr mit schauspielerischer Mimik arbeiten - und das gelingt den Sängern sehr gut. Hier ein verlinktes Beispielfoto von der Webseite des Badischen Staatstheaters:
Der Inszenierung gelingt aber weder eine bezwingende Dramaturgie noch der große Spannungsbogen und wirkt nicht nur optisch, sondern auch dramaturgisch zweidimensional. Dafür gibt es zwei Gründe: Händel komponierte für Tamerlano mehr Musik als man an einem Opernabend spielen kann, die Karlsruher Produktion wählt eine Zusammenstellung von Arien und Szenen, die den besonderen Charakter dieser Oper nicht gerade betont, sondern ein Händelsches Gleichmaß herstellt, in dem die psychologisch Dichte reduziert wird, man auch Ablenkungen und kleine Nebenplots zuläßt und der Oper die Stringenz nimmt. Das Gefühl eines unentrinnbaren seelischen Drucks, ein dramatisches Trauerspiel mit klaustrophoben Charakter wird nicht entwickelt. Die Art der multimedialen Darstellung ist zudem ein gelegentlich sehr beliebiges Szenenwerk, bei der mehr die technologischen Möglichkeiten und vordergründige Verknüpfungen gezeigt werden, die keiner inneren Notwendigkeit folgen. So ist Bajazet in seiner frühen Wut-Arie Ciel e terra armi di sdegno von schwebenden Kissen umgeben, Irene ist bei ihrer Arie im ersten Akt auf einem fliegenden Teppich unterwegs (Leone darf dann später auch mal fliegen), im zweiten Akt landet ein virtueller Schmetterling auf ihrer Hand, Andronico fährt wie Ben Hur im Streitwagen spazieren, wenn er Benchè mi sprezzi l'idol ch'adoro singt, ein anderes Mal ist er auf einem Kahn unterwegs und wenn er über Asteria Più d'una tigre altero singt, werden Tiger eingeblendet. Bajazets zunehmende Verzweiflung wird von waberndem Kunstnebel umgeben, später sind Furien zu sehen, die wie aus einem zweitklassigen B-Horror-Movie wirken. Die Nebenfiguren Irene und Leone bekommen eine Mini-Nebenhandlung, auf die man auch hätte verzichten können. Der Regisseur bebildert also von Szene zu Szene - durchaus unterhaltsam, aber nicht dramaturgisch überzeugend und ohne überzeugende Dringlichkeit. Das essentiell Existenzielle an Tamerlano kann er hingegen nicht herausarbeiten. Man ist versucht zu behaupten, daß diese filmisch-mediale Inszenierungsidee zu vielen Händel-Opern besser gepaßt hätte als zu Tamerlano mit seiner besonderen Dramatik.
1995 dirigierte René Jacobs in Karlsruhe den Messias, 1998 und 1999 spielte das Freiburger Barockorchester bei den Karlsruher Händel-Festspielen Rodelinda unter der Leitung von Trevor Pinnock. Letztes Jahr führte Jacobs mit dem Freiburger Orchester Tamerlano auf einer Tournee konzertant auf. Das Badische Staatstheater kaufte also die musikalisch bestehende Produktion ein, um sie szenisch umzusetzen.
Das Orchester ist von Händel einfach besetzt, circa 30 Musiker - Violinen, Bratschen, Cellos, Kontrabaß, Flöten, Oboen, Fagott, Laute und Cembalo, hier verstärkt durch eine Harfe und -wie so oft bei Jacobs- eine Orgel. Jacobs, inzwischen 79 Jahre alt, dirigierte einen beredten, sehr schön phrasierten und harmonisch musizierten Tamerlano, der spektakuläre Effekte, Zuspitzungen und harsche Akkorde mied. Auffällig die dramaturgische Stringenz der Rezitative, die mit großer Sorgfalt und farbigem Continuo ausgeformt erklingen, das Herausstellen einzelner Bläserstimmen sowie das präzise Spiel des Freiburger Barockorchesters, das langjähriger Partner für Jacobs' Händel-Lesart ist.
Tamerlano ist bei Christophe Dumaux bestens aufgehoben, ihm gelingen virtuose Wut und Herrscherpose, markant sein Ausbruch A dispetto d’un volto ingrato im 3. Akt, in dem sein verletzter Herrscherstolz und seine Wut über Asterias Liebe zu Andronico grandios hörbar werden. Tamerlano sollte eigentlich Bajazet heißen, denn sängerisch steht der Tenor im Mittelpunkt. Thomas Walker sang als Bajazet seine Arien mit der richtigen Mischung aus Zorn, Stolz und Verzweiflung, die große Sterbeszene wirkte vorbildlich differenziert! Die Sopranistin Mari Eriksmoen sang als Asteria mit warmer, offener und stets wunderbar unangestrengter Stimme und vermittelte den inneren Konflikt zwischen Liebe und Haß, Hoffnung und Verzweiflung, Entschluß und Zweifel. Nur in sechs Opern Händels gibt es Terzette; Eines davon erklang gestern spannungsvoll im 2. Akt zwischen Tamerlano, Bajazet und Asteria! Als zwischen Liebe und Pflicht zerrissener und zwischen den Lagern stehender Andronico gestaltet Countertenor Alexander Chance seine Rolle mit kantablen Linien und behutsam eingesetzter Koloratur. Die kleinere Rolle der Irene ist bei Kristina Hammarström gut aufgehoben, ihre Musik setzt weniger auf extreme Affekte als auf Ausgleich und diese Stabilität vermittelte sie gestern. Damit Leone auch was zu singen hat, fügte Händel 1731 im 3. Akt eine Arie hinzu, gestern bekam er sogar jeweils eine im 2. und 3. Akt, Matthias Winckhler ergriff die Chance und fügte sich nahtlos ein.
Tamerlano wurde zuletzt im Rahmen der Karlsruher Händel-Festspiele 1993 und 1994 gespielt. Roy Goodman dirigierte, Jean-Louis Martinoty führte Regie, es sangen: Tamerlano: Drew Minter, Bajazet: Adrian Thompson, Asteria: Sandra Moon, Andronicus: Rodney Gilchrist, Irene: Clara O'Brien, Leone: Miro Belamaric.
Fazit: Ein hörens- und sehenswerte Produktion, deren einziges Manko darin bestehen mag, daß sie die Charakteristik dieser Oper nicht richtig trifft.
Freiburger Barockorchester
Musikalische Leitung: René Jacobs


Danke für die wie immer wundervolle Rezension in aller Ausführlichkeit! Ich freue mich jedenfalls auf den Tamerlano, auch wenn mir die 265 Minuten doch bitter aufstoßen in Anbetracht der am Samstag fünf Minuten später beginnenden Atalanta in der nicht so nahen Christuskirche. Ich schrieb vorsichtshalber einmal eine Mail zum Thema an das Staatstheater.
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