Sonntag, 19. April 2026

Tindall/Harwood - Dracula (Ballett), 18.04.2026

Umjubeltes Spektakel
Seit Birgit Keils Abschied als Ballettdirektorin blieb dem Karlsruher Ballett der ganz große Wurf versagt, die Bürde der goldenen Karlsruher Ballett-Ära lastete schwer auf den Nachfolgern. Ballettdirektor Raimondo Rebeck startete nun mit Dracula den spannenden Versuch, einen Erfolg mit beträchtlichem Aufwand zu erzwingen: Dracula ist ein groß gestaltetes Spektakel, das in jeder Hinsicht viel zu bieten hat und unbedingt sehens- und hörenswert ist. Ein bißchen wirkt das neue abendfüllende Karlsruher Handlungsballett allerdings wie ein Etikettenschwindel, denn weder geht es um einen blutsaugenden Vampir noch, wie vom Theater angekündigt, um einen "modernen  Vampirmythos". Der Ausdruck  überhöht eine symbolische Geschichte, die auf dem Bild eines narzisstischen, ausbeuterischen Modegenies statt auf einem konsistenten Vampirmythos im klassischen Sinn beruht: "Der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte ... wird zu einem Modedesign-Gott des 21. Jahrhunderts, der vom Talent junger Menschen und der Schönheit anderer lebt, um seinen Hunger nach Unsterblichkeit zu stillen. Seine berauschende Welt spielt sich auf Laufstegen und in Ateliers ab, in seinen Schlafzimmern und selbstzerstörerischen Ambitionen nach Genialität, ewiger Jugend und Liebe." Der Begriff des modernen Vampirmythos ist hier werbende Metapher, aber keine passende Gattungsbezeichnung. Diese Handlung hätte man auch als Dorian Gray aus Oscar Wildes gleichnamigen Roman interpretieren können. Wer seine Erwartungshaltung in dieser Hinsicht senkt, der kann sich allerdings sehr gut unterhalten lassen. Und wer nach Dracula ein Störgefühl hat, der könnte von der musikalisch hochdramatischen Spannung der stark verflachten Handlung irritiert gewesen sein.