Donnerstag, 23. Juli 2026

Tindall/Harwood - Dracula, 22.07.2026

Seit der Premiere (mehr hier) vor drei Monate ist Dracula ständig ausverkauft. Auch beim zweiten Besuch beeindruckt die Vorstellung als opulentes, sehr zeitgenössisches Handlungsballett zwischen Mode-Glamour, psychologischen Abgründen und Show-Effekt, das gestern noch homogener als in der Premiere wirkte. Auch wenn Handlung, Umsetzung und Musiksprache durchaus Fragen hinterlassen.

Kenneth Tindall übersetzt Bram Stokers Vampirmythos in die Welt der Haute Couture und der Beauty-Industrie: kein transylvanisches Schloß, kein klassischer Nosferatu, sondern ein Modegott, der von der Kreativenergie seiner Umgebung zehrt. Jonathan Harker ist hier Model einer groß angelegten Parfumkampagne, Mina Fotografin und Influencerin, Lucy ein weiteres, unbeschwertes Model. Draculas Opfer sind Kreative im Sog eines narzißtischen Genies. Der Abend entfaltet sich auf Laufstegen, in Ateliers und einem Nachtclub, in dem beatschwere Party-Szenen nahtlos in surreale Visionen und Klinikbilder übergehen, in denen Dr. Seward und Van Helsing um die seelischen Ruinen von Draculas "Opfern" - fashion victims - ringen. Daß der Vampir statt Blut Aufmerksamkeit, Seele und schöpferische Energie saugt, verwässert das Grundthema: Verführung statt Gewalt, Abhängigkeit ohne Zwang, Selbstverlust im Glanz einer glamourösen Figur. Dieser Dracula ist kein mordender Untoter, alles Drama lediglich Behauptung.

Tindalls Choreographie siedelt sich sichtbar zwischen Klassik und Modern an: Linien und Hebungen aus dem klassischen Vokabular treffen auf zeitgenössische, körpernahe Bewegungen, Mode- und Club-Gestik. Dabei fließen musikalisch hochdramatische Eruptionen und tänzerisch dichte Pas de deux ineinander. Der erste Teil lebt stark von der grandiosem Nachtclub-Szene: ein energetischer Höhepunkt, in dem das Ensemble mit pulsierendem Drive tanzt. Dort verdichtet sich die dramaturgische Idee -Verführung, Rausch, Kontrollverlust- zu einem tänzerisch packenden Tableau, während manche im Roman zentrale Figuren im weiteren Verlauf  blaß bleiben und kaum eigenes Profil gewinnen.

Das visuelle Konzept steuert die Wahrnehmung des Abends entscheidend: eine vorwiegend in Schwarz und Weiß gehaltene Bühne, durchzogen von markanten Farbakzenten. im Klinikraum herrscht hartes Neonlicht, das die Opfer als seelische Wracks exponiert und das Mode-Glamour zuvor rückblickend als drogenähnlichen Rausch behauptet. Die prägnanten Licht- und Raumwechsel verstärken den Eindruck, daß die Inszenierung stärker über Bilder und Effekte als über subtile Zeichnung erzählt - ein ästhetisch wirkungsvoller Zugriff, den das Publikum offensichtlich schätzt

Alexandra Harwood komponiert einen durchgehenden, sehr cineastisch gedachten Klangstrom, den die Badische Staatskapelle mit spürbarem Temperament live trägt. Die Partitur mischt sakral anmutende Farben mit weit ausladenden Cinemascope-Klangflächen und Elementen, die an Barockgestik ebenso erinnern wie an elektronische Soundlandschaften. Elektronische Zuspielungen im Sounddesign  überlagern und erweitern den Orchestersatz. Es ergibt sich ein Klangraum, der teilweise pulsierend, mitunter schillernd über der psychischen Dunkelheit der Figuren liegt und eine dramatische Opulenz behauptet, der der Handlung eigentlich fehlt.

Die Produktion steht und fällt mit ihrem Dracula – und Karlsruhe hat mit dem gestern markant und famos agierenden Pablo Polo einen Mittelpunkt, der diese Figur regelrecht magnetisch auflädt. Sein Körper trägt einen rißartigen Streifen über der Brust, der die gespaltene Persönlichkeit des Modefürsten sichtbar markiert; seine hoch expressive Gestik und Mimik lassen die Gefährlichkeit dieses Charismatikers spürbar werden. Tanztechnisch verbindet Polo kraftvolle, kontrollierte Sprünge mit einer geschmeidigen Körpersprache, die jede Szene, in der er auftritt, zu einer Art choreographischem Fokuspunkt macht. BRAVO!
Dina Levin als Mina, zwischen Lockung und Abwehr hin- und hergerissen, gibt ihrer Figur Momente von Zartheit und Widerstand, die in den Pas de deux mit Dracula besonders stark wirken. BRAVA!
Aaron Kok als Jonathan Harker findet eine eindringliche Szene, in der er Albträume, nervöse Rastlosigkeit und die Unzugänglichkeit eines Menschen im psychischen Ausnahmezustand nachvollziehbar macht – ein innerer Zusammenbruch, der ohne jede Überzeichnung auskommt.  
Carolin Steitz gestaltet Lucy als bezaubernd lebensfrohes Model, dessen Leichtigkeit zunehmend vom Sog der Faszination zersetzt wird; ihr Spiel balanciert mühelos zwischen naiver Offenheit und zunehmend verstörender Hingabe.

Das Stück zeigt, wie Verlockung in Abhängigkeit umschlägt, wie die Opfer Draculas sich seiner Macht nicht etwa durch Gewalt, sondern durch ihren eigenen Wunsch nach Zugehörigkeit und Bedeutung beugen – eine treffende Metapher für Kreativindustrien, aber dennoch funktioniert Vergleich eines Modedesigners mit einem Vampir nur grob oberflächlich. Gleichzeitig bleiben einige Figuren dramaturgisch flach, und die Entscheidung, viele Effekte, Fashion-Tableaus und Club-Szenen auszustellen, führt dazu, daß der Abend eher als großes, zweieinhalbstündiges Ballettspektakel denn als Drama in Erinnerung bleibt. Dem Publikum gefällt dies allerdings hörbar: Begeisterung und großer Jubel am Ende zeigen, daß die Balance für eine breite Zuschauerbasis aufgeht. BRAVO!

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