Glamour-Mangel
Sind das Sparmaßnahmen? Wenn ja, dann hat das Badische Staatstheater die wichtigste Regel gebrochen: man spart an Läßlichem und Nebenschauplätzen, aber auf keinem Fall bei Publikum und Qualität der zentralen Sparten. Letztes Jahr hatte man bei der Ballett-Gala sechs Choreographien mit neun Gasttänzern, dieses Jahr hatte man nur noch drei mit fünf Gasttänzern, davon zwei Nachwuchstänzer. Im Vergleich zum Vorjahr fehlten Glamour- und Gala-Ambiente. Dazu kamen manche Choreographien, als deren einziges Attribut man depressive Verstimmung nennen kann sowie Gelegenheitschoreographien ohne Erinnerungswert.
Verleihung des Karlsruher Tanzpreises 2026
Aber zuerst zur Preisverleihung. Der von Dr. Sabine Raulin und Prof. Dr. Christian Raulin gestiftete Tanzpreis ging dieses Jahr an Sophie Burke, die dem Publikum insbesondere als Prokofjews Julia und Lucy in Dracula bekannt ist.
Auch dieses Jahr hat man den beeindruckenden Giorgi Potskhishvili vom Het Nationale Ballet Amsterdam eingeladen, der mit Salome Leverashvili eine Choreographie von Hans van Manen tanzte: Sarcasmen zu Musik von Prokofjew, live begleitet am Klavier von Clément Rataud. Das neoklassische Charakterstück handelt ironisch von zwischenmenschlicher Beziehung, körperlicher Kommunikation und Machtverhältnissen - quasi ein Balztanz mit kühl pointierter Körpersprache, die insbesondere kräftezehrend den Tänzer fordert.
Erneut war Alina Cojocaru zu Gast, die zusammen mit Christopher Evans Epilogue tanzte, eine unspektakuläre, fast schon spröde und überwiegend reizlose Choreographie von John Neumeier zum Adagietto aus Mahlers 5. Symphonie.
Von den Gauthier Dance Juniors waren die Nachwuchstänzer Mathilde Roberge und Atticus Dobbie zu Gast, die sich engagiert an Furia abmühten, eine Choreographie von Marco Goecke, der 2023 in Hannover gekündigt wurde, nachdem er eine Kritikerin mit Exkrementen beschmierte. Goeckes Tanzstil ist hochgradig individuell, nervöse, kleinteilige Bewegungen, die wie eine psychische Zwangsstörung wirken: Zittern, Zucken, Flattern, schnelle Tempi. Körper, die unter innerer Spannung stehen. Das kann man, muß man aber nicht mögen, insbesondere ermüdet dieser einseitige Stil auch Zuschauer relativ schnell.
Interessant war, was das Badische Staatsballett extra für diesen Abend einstudiert hat:
Marta Andreitsiv und Pablo Polo zeigten Christian Spucks traumartig nostalgische Nocturne zur Musik von Chopin. Veronika Jungblut, Lasse Caballero und Philip Sergeychuk zeigten Uwe Scholz' spätromantisch poetisches Suite Nr. 2 (Trio). Beide Werke klassisch anmutende Choreographien neueren Datums, denen ein wenig der Pep fehlte.
Letztes Jahr gab es den spektakulären Grand Pas de Deux aus Marius Petipas Don Quixote, dieses Jahr glänzten Mariaelena Colombo und der sprunggewaltige Daniel Rittoles im Pas de Deux aus Petipas Le Corsaire.
Kristina Paulin und Raimondo Rebeck fügten als Choreographen kurze Gelegenheitsarbeiten mit eher deprimierter Stimmung hinzu. Zwei weitere kurze Stücke gab es von Tänzern, die eher in die Reihe Choreographen stellen sich vor passen: Pablo Polo schuf mit 1 hour 7 years eine Steigerung ohne Ursache, Lasse Caballero blieb bei der Tragikomödie von Charles Aznavours Du läßt dich gehen etwas zu sehr an der klamaukigen Oberfläche.
Desweiteren Ausschnitte aus B.R.I.S.A., Fellini und Dracula
Ein gut gelauntes, von José Urrutia choreographiertes Défilé zu Musik von Johann Sebastian Bachs Konzert für vier Cembali in a-Moll BWV 1065 beschloß den Abend, der mit einer herzlichen Geste endete: zu Abbas Dancing Queen bekam jeder Tänzer eine Rose überreicht.
Die diesjährige Ballett-Gala war monatelang im Voraus ausverkauft. Nächstes Jahr wird sie zweimal präsentiert: am 16. und 17 Juli 2027. Dann wird es hoffentlich wieder mehr glamouröses Ambiente geben. Die Eintrittspreise steigen immerhin beträchtlich und nähern sich Ballett-Gastspielen im Festspielhaus Baden-Baden.
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