Die Oper als Opfer
Die Intendanz des Badischen Staatstheaters steht offenbar intern nicht gut da (mehr hier), doch auch aus Publikumssicht ist Kritik angebracht, denn die Oper muß für Akuteinsparungen herhalten: Das Sänger-Ensemble ist unter die Größe von Schauspiel und Ballett geschrumpft. Intendant Firmbach verantwortet einen Tiefpunkt in der jüngeren Geschichte des Hauses.
In der Saison 2006/07 hatte die Oper 28 Sänger im Ensemble, 2016/27 waren es 25, in der kommenden Spielzeit startet man nur noch mit 21 festangestellten Sängern in die Spielzeit.
Auch das Ballett wurde zusammengestrichen: 2006/07 bestand die Kompagnie aus 29 Tänzern, 2016/17 sogar aus 31, aktuell sind es 28. Die beiden Sparten, die im Großen Haus für die meisten Zuschauer sorgen, sind zum Stiefkind der Intendanz geworden. Eine kulturpolitische Botschaft, die man aus Zuschauersicht nur mit Buhrufen und dem schönen Theaterbrauch beantworten kann, die Verantwortlichen mit angemessenen Wurfgeschossen wie überreife Tomaten und faule Eier von der Bühne zu jagen.
Denn nun wird es abstrus: 26 Schauspieler gehörten 2006/07 zum Ensemble, 2016/17 waren es 24, nun sind es wieder 26. Nur wieso? Aufgrund des Umbaus hat man keine Studio-Bühne mehr zur Verfügung, die Anzahl der Vorstellungen ist drastisch gesunken. Die Zuschauerzahlen haben sich innerhalb des letzten Jahrzehnts mehr als halbiert, die vergangene Saison bildet einen Tiefpunkt, gerade noch ca. 32.000 Besucher, weniger als im Kindertheater (mehr auch hier).
Die Frage drängt sich daher auf: Warum werden Sänger und Tänzer eingespart, obwohl das Große Haus noch zwei Jahre bespielbar ist, während das Schauspiel trotz deutlich reduzierter Vorstellungszahl personell unangetastet bleibt?
Es mag praktische Gründe haben, einige Sänger sind gegangen, darunter Martha Eason, Florence Losseau, Paulina Linnosaari, Dorothea Spilger und Brett Sprague. Den Verlust hat man einfach hingenommen und sich programmatisch eingeschränkt. Der eigentliche Befund lautet: Die Intendanz ist offenbar bereit, das musikalische Zentrum des Hauses zu schwächen, um ein mittlerweile reduktionistisch verkümmertes Schauspiel zu schonen, das sich nur noch durch Ressentiments und Feindbilder zu präsentieren scheint. Das ist keine beiläufige Personalmaßnahme, sondern eine kulturpolitische Farce – und Intendant Firmbach muß sie sich zurechnen lassen.
Ebenso bedrückend ist der Umgang mit dem Publikum. Über Entscheidungen wird kaum transparent informiert; eine nachvollziehbare Begründung bleibt aus. In Sachen Kommunikation und Verantwortungsbereitschaft ist das Karlsruher Theater unsichtbar. Ein hierarchisches Haus, das von oben nach unten funktioniert, scheint sich vor allem an der Politik zu orientieren und immer weniger an den Menschen, die seine Karten kaufen.
Fazit: Die Oper wird geschrumpft, das Schauspiel alimentiert und das Publikum abgespeist. Wenn das die Zukunftsstrategie des Badischen Staatstheaters sein soll, bleibt nur ein angemessenes Urteil gegenüber der Intendanz: Buuuuuh!!! [einschließlich virtueller Wurfgeschosse].
Zur Ergänzung noch ein paar weitere Zahlen:
AntwortenLöschenBertolt Brechts „Das Leben des Galilei” war seit 1945 dreimal am Badischen Staatstheater zu sehen.
Dabei wirkten 1959 in 39 Rollen 31 Schauspieler mit, 1974 waren es in 44 Rollen 29 Schauspieler. 2022 schließlich agierten in 19 Rollen gerade noch 7 (!) Schauspieler.
Selbst in einem Jugendstück wie „David Copperfield” wirkten 1961 21 Schauspieler und 4 Mitglieder des damaligen Jugendensembles mit.
Zugegeben, das waren andere Zeiten, aber nachdenkenswert ist es durchaus.
Vielen lieben Dank Herr Kraft. Die Ursachen für diese Kürzungen über die letzten Jahrzehnte scheinen mir vielfältig. Die Ensembles, die zulässige Arbeitsbelastung, die Aufführungspraxis/Inszenierungen und das Publikum haben sich entwickelt. Ich bin ein großer Fan von Spektakel, dem Willen zur Vermittlung von Größendimensionen und regelmäßig gelegentlicher Überforderungen (ich hoffe und warte auf einen großdimensionierten Wallenstein und befürchte, das zeitlebens nicht mehr zu erleben). Birgit Keils groß besetzte Giselle oder Romeo und Julia waren überwältigend, der mickrig besetzte neue Prokofjew hingegen für mich wirkungslos. Immerhin sind die Ensembles das Zentrum des Theaters, das reduzierte Opernensemble empfinde ich deshalb als Zumutung und Frechheit.
LöschenZumutung und Frechheit
LöschenDies ist eine gute Überschrift, denn die Opernsparte wird leider kaputtgespart und in Kombination mit völliger Ahnungslosigkeit, was ein Stimmfach betrifft, runtergerockt. Es ist wirklich tragisch.
Ein Mezzo singt zu hohe Partien, ein absoluter Puccini-Sopran muss Mezzo-Partien singen. Frau Dobrzanska bspw. bekommt das mit ihren Technik natürlich hin, das ist gar kein Problem. Ansonsten ist einiges wirklich fachfremd bei den Sängerinnen besetzt.
Die perfekte Besetzung kommt manchmal erst in der darauffolgenden Wiederaufnahme, weil man dann erst bemerkt, dass andere Stimmen besser zu der Rolle passen. Unverständlich das Ganze.
Ich war z.B. in zwei Onegin-Vorstellungen und es war zum Fremdschämen. Ständig hoffte man, Frau Dobrzanska würde Tatjana übernehmen und der arme Herr Sprague war sein Unwohlsein als Lenski anzumerken, da er offensichtlich mit der Diktion haperte. Freiwillig wird er das sicher nicht gesungen haben.
Die Russischsprechenden im Publikum haben (leider) nur gelacht. Es war schrecklich. Warum führt man seine Sänger so vor? Unglaublich! Eine absolute Frechheit! Ich kann mir das nur mit völliger Ahnungslosigkeit erklären.
Zum Ensembleumfang: Einen Alt braucht man wohl gar nicht mehr?! Frau Lang, die wirklich eine Bereicherung fürs Ensemble ist, kann ja auch nicht alle Partien abdecken. Lang her die Zeiten als Karlsruhe noch eine Wolak engagiert hatte und einen echten Alt besaß.
Enttäuscht vom hiesigen Angebot kann man nur noch in andere Häuser gehen. Wie kann so etwas mit einem Sänger als Intendanten geschehen? Man blickt fassungslos auf diese Misere und ist unsagbar traurig.
Sparmaßnahmen auf Kosten des Steuerzahler
AntwortenLöschenAb 2028 geht die Oper in das Konzerthaus,Grundfläche 100qm ohne Umgang,d.h. die Bühne verkleinert sich auf ca 20% der jetzigen Bühne.ca 90qm.Man stelle sich vor ein Kino verkleinert die Leinwand auf 20% - wer geht da in die Vorstellung?Und was ist mit dem Preis?Was kostet dann eine 50euro Karte? 10euro?Und die Angestellten bekommen dann 20% Gehalt?
Die Argumentation der Leitung ist : da haben wir früher auch schon gespielt.Klar,es gab auch mal schwarz/weiß Fernseher,welcher Sender würde heute nochmal nur in schwarz/weiß senden?Wohl keiner,das will niemand mehr sehen,dafür wird auch niemand mehr bezahlen.
Die jetzige Leitung richtet die Oper/Ballett zu Grunde,nach der Sanierung werden weder Angestellte noch Zuschauer mehr da sein.Wozu dann den Steuerzahlern Millionen von Euro aus der Tasche ziehen?
Saniert die Stadt Karlsruhe die neue "Halle des Volkes"?
Nach den Berechnungen ist das Staatstheater Karlsruhe im Jahr 2035 pleite,dann bleibt der Vorhang eh zu.
Bis dahin ist die jetzige Obrigkeit eh weg und in "trockenen Tüchern",die retten ihre Schäfchen,die Angestellten und die Zuschauer sind trotz Millionen Steuergeldern die Angeschmierten.
So mag Herr Spuhler menschlich völlig daneben gewesen sein,aber das hat er besser gemacht,so einen Weg hätte er vermeiden können,die Führung versagt komplett.
Und beim Umgang mit Mitarbeitern ist auch völliges Versagen am start - bei Herr Spuhler mag man keine Antwort bekommen haben,jetzt wird man angelogen bzw bekommt Halbwahrheiten als Antwort.
Quo vadis Staatstheater?
Die Party des Theaterfests findet im Schauspiel statt,dort wird jetzt getanzt.
Danke für diesen Beitrag, der mir aus der Seele spricht. Was die Oper angeht, war ich zu Beginn der Intendanz Firmbach begeistert vom neuen Wind, den Stücken und vor allem von den Sängerinnen und Sängern, die neu ins Ensemble kamen. Was daraus nun diese Spielzeit geworden ist, erstaunt doch sehr. Eine Pauliina Linnosaari hätte man unbedingt halten müssen - nun übernimmt Irina Simmes ihr Fach, die aber scheinbar viel gastiert und Tote Stadt wohl deshalb nicht machen kann. Dafür wurde ein Gast engagiert. Elsa, Arabella, Rosalinde und auch Suor Angelica und Giorgetta sind jeweils einfach besetzt - neben Marietta alles Rollen, die Linnosaari gesungen hat bzw singen könnte. Auch nach dem Weggang von Dorothea Spilger eine Rolle wie die Thirza oder Ortrud einzeln zu besetzen ist riskant - gerade für Thirza in The Wreckers gibt es nichtmal eine Handvoll Sängerinnen, die diese Partie im Repertoire haben. Viel Glück bei einer Absage! Martha Eason ist nicht mehr im Ensemble und wird dann für drei Rollen und 3 Konzerte als Gast engagiert und bezahlt? Ich frage mich, wie sich das lohnen soll. Man hört, dass das angeblich der Grund sein soll: Es sei billiger, Gäste zu engagieren, statt ein größeres Ensemble zu pflegen. Ich bin weder Intendant noch Operndirektor, aber das wundert mich doch schon sehr. Ganz zu schweigen davon, dass es für ein Repertoirehaus einfach wichtig ist, ein ausgewogenes und gutes Ensemble von Sängerinnen und Sängern zu pflegen, mit denen sich das Publikum identifizieren kann und wegen denen manch einer auch ins Theater geht.
AntwortenLöschenEason ist (wie sie selber öffentlich schreibt) freiwillig gegangen, da Ihre Beansprachung in der NV-Bühne "flatrate" nicht mehr im Verhältnis zu dem stünde, was Sie leisten musste und eine deutliche Überlastung vorlag.
LöschenVon den Nichtverlängerungen waren auch nicht wenige seitens der Ensemblemitglieder.
Aber warum kündigen SängerInnen freiwillig feste Stellen, ohne etwas neues zu haben? Das geht nur, wenn sie wie Martha Eason jetzt zu besseren Gagen in Karlsruhe und anderen Städten gastieren oder fest an ein größeres Haus gehen, dass sich mehr um die Entwicklung der Ensemblemitglieder und fachadäqute Besetzung kümmert. Ist das wirklich bei allen, die gegangen sind so? Oder wird das schön und geredet und die SängerInnen eigentlich nur froh, aus Karlsruhe weg zu sein? Der Operndirektor, der nebenbei furchtbar weltfremd auftritt und jeden Fettnapf bei Reden mitnimmt, scheint nicht von großer Kompetenz erfüllt zu sein. Es ist immer günstiger Ensemblemitglieder zu besetzen und für einzelne Partien oder Abende Entlastungsgäste einzusetzen, falls es wirklich mal eng wird. Die Vorstellungen von Frau Spilger oder anderen lagen unter 20 Terminen, andere waren ständig dran. Das kann man doch wirklich vorausschauender planen und dann bleiben die Leute auch, wenn sich alle fair und transparent behandelt fühlen und die Stimmung gut ist. ... Wenn...
LöschenJa, wenn nur. Die aktuelle NV-Bühne Monatsgage ist am unteren Ende von 3k€ brutto.
LöschenHeutzutage kündigt man freiwillig so eine feste Stelle nur dann, wenn man die Lage nicht mehr aushalten kann. Die SängerInnen sind ja nur der sichtbare Teil von der aktuellen Massenflucht...
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