Sonntag, 4. Oktober 2026

Bloch - Das Prinzip Hoffnung, 03.10.2026

Performative Phrasendrescherei
Wenn ein Theater eine Bühnenfassung von Das Prinzip Hoffnung ankündigt (Ernst Blochs philosophischer Wälzer über "konkrete Utopien" hat ca. 1600 Seiten in 55 Kapiteln und ist bei Suhrkamp in drei Bänden erhältlich) würde man als Zuschauer einen ernsthaften, schwergewichtigen Abend erwarten. Dieses Wagnis ist das Karlsruher Schauspiel nicht eingegangen. Stattdessen zeigt man eine musikalisch-szenische Performance, die niemanden überfordert und manche sogar unterfordert, da sie kaum einen roten Faden besitzt, belanglos wirkt und  beliebig zusammengestellt wirkende Bloch-Sätze phrasenhaft präsentiert. Inhaltlich kommt kaum was rüber und auch performativ hat der Abend nur wenig zu bieten.

Was ist zu beachten?
Für die Einen ist eine Utopie ("Nicht-Ort") als Wunschvorstellung Grundlage einer zukünftigen Eutopie ("guter Ort"),  für andere ist sie hingegen eine Dystopie ("schlechter Ort"). Konkrete Utopien haben stets zu Diktaturen geführt, wer auf utopische Ziele hinsteuert, muß Widerstände gewaltvoll aus dem Weg räumen. Ein philosophischer Skeptiker erklärte deshalb: Die Geschichtsphilosophen haben die Welt nur verschieden verändert; es kommt darauf an, sie zu verschonen. 
Gute Politik findet den Konsens, Klientelpolitik treibt die Spaltung voran - und die Spaltung war immer das Ziel der politischen Ränder, die Feindbilder und Gegner benötigen, deren Unterdrückung immer auch Bestandteil der ideologischen "Eutopien" ist. Wer hoffte, daß mit dem Fall der sozialistischen Diktaturen 1989 eine ideologiebefreite Epoche anbrach, hatte sich geirrt. Die bösen Geister des Gestern sind wieder zurück. Die deutsche Politik scheint vielfach überfordert und falschen Wertigkeiten folgend,  und das könnte auch ein Grund sein, wieso das Karlsruher Schauspiel nun Ernst Bloch (*1885 †1977) exhumiert, der forderte, ins Gelingen verliebt zu sein. Bloch war ein eher unverkrampfter Marxist: 1938 migrierte er lieber in die USA als in die Sowjetunion, zehn Jahre später übersiedelte er zwar nach Leipzig, doch nach dem Bau der Mauer kehrte der inzwischen von der "DDR" entfremdete Denker von einer Reise nicht mehr in die Diktatur zurück, als Marxist blieb bis zu seinem Tod in der demokratischen Bundesrepublik. Das Prinzip Hoffnung, geschrieben im US-Exil, war ein Gegenentwurf zum deterministischen Sozialismus, der nie anders konnte als Pluralismus zu unterdrücken - eine Haltung, die sich heute in der bundesrepublikanischen Linken wieder verstärkt. Wer nun allerdings hoffte, die Inszenierung am Karlsruher Schauspiel setzte sich kritisch mit den dogmatischen Fehlentwicklungen und linken Lebenslügen auseinander und setze Blochs offene Hoffnungsphilosophie gegen die zunehmend geschlossenen ideologischen Doktrinen, wurde bei der gestrigen Premiere enttäuscht. Bloch ist hier nicht Zweck, sondern Mittel zu einem belanglosen Musizierabend von 90 pausenlosen Minuten

Bloch zufolge ist eine bessere Zukunft real möglich, aber nicht verbürgt. Ihr Ziel ist die noch nie verwirklichte Identität des Menschen mit sich und der Natur, also die Aufhebung der Entfremdung, die Bloch Heimat nennt. Er hätte sie auch Wolkenkuckucksheim nennen können. Bloch knüpft also an Karl Marx an, der bekanntlich nur ein unscharfes Bild vom Kommunismus zeichnet: "morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben", das war das Leben, das sich Marx ohne Arbeitsteilung vorstellte.  Arbeit wird "nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis". Der eigentliche Reichtum soll damit die Entfaltung der Individuen werden. Die heutigen Arbeitszeiten würden Marx wahrscheinlich paradiesisch vorkommen. Doch weder Marx noch Bloch wirken heute noch originell. Gottfried Benn formulierte das Endziel des Sozialismus im Gedicht Eure Etüden so: "Dumm sein und Arbeit haben: das ist das Glück". Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk hingegen hat die Wünsche der Menschen auf eine unübertroffen prägnante Formel gebracht: bedingungsloses Einkommen, kampflose Sicherheit, strapazenlose Freiheit und leidlose Immunität. 


Geist der Utopie und Das Prinzip Hoffnung:
Blochs schrieb ca. 2000 Seiten über die Möglichkeit zur Utopie

Was ist zu sehen?
Wie sieht Hoffnung in der Karlsruher Inszenierung aus? Grau und unattraktiv - visuell wird nichts geboten, Bühnenbild und Kostüme haben keine Kraft, es wirkt eher wie eine Sparproduktion.
Die Aufführung startet mit 20 Minuten Einleitung, eine Klang-Collage, einzelne Blochsätze werden gesungen, andere aufgesagt, man bewegt sich auf der Bühne. Passieren tut nichts, immer wieder an diesem Abend wird Zeit mit Belanglosigkeiten überbrückt.
Danach will man etwas Sinnlichkeit vermitteln: mehrere Minuten wird mit einer Folie geraschelt, dazu gibt es weitere Sätze, die doziert werden wie in einem Schülerseminar. Metaphern, die nichts Neues bringen, nach einer halben Stunde beginnt es deutlich zu öden, wohl dem, der ein Mobiltelefon dabei hat, um die Zeit sinnvoller zu nutzen. Es fällt auf, daß die Performance dramaturgisch nichts Überraschendes oder Kreatives zu bieten hat, stattdessen Berechenbares in minutenlanger Zäheit.
Nach vierzig Minuten passiert etwas: man rennt hin und her, der Alltag bricht ein, man blickt auf imaginäre Uhren, es gibt Getrampel und sorgenvolle Blicke, Leben ist auch Qual. Schauspielerin Emma Suthe geht vom assistierten Handstand in die Brücke und steht auf - sportlich, Respekt!
Dann nach fünfzig Minuten folgt wieder eine Phrasenphase, Swana Rode zitiert spröden Text. Es wird bedeutungsschwanger, man hört, es kommt darauf an das Hoffen zu lernen, und als Zuschauer hofft man auf ein baldiges Ende des Stücks.
Dann wird wieder rumgehopst, es wird minutenlang "Keiner" gesungen. Worum geht es? "Keiner hat sich diesen drängenden Zustand ausgesucht". Ah ja, aber schon sehr pauschal ausgedrückt. Dazu bedeutungsschwangere Musik, Wirkung ohne Ursache, teils wird Blochs Text wie eine Liturgie mit pseudosakral wirkender Musik unterlegt: Hoffen ist wohl immer auch religiös.
Nach sechzig Minuten gibt es so eine Art stampfende Polonäse im Tüllrock; Der Autor dieses Blogs scheitert an dieser Metapher und obwohl er Bloch den ewig langen Sommer über bis zur Ermüdung gelesen hat, weiß er nicht mehr, worum es gehen könnte. Egal, mehr als die Hälfte ist vorbei, die Hoffnung wächst, daß diese Performance absehbar vorbei sein wird; und noch 30 Minuten bis Buffalo.
Wieder Phrasen, Tagträume, sogar so etwas wie Schauspiel, manche Zuschauer freuen sich, die Akteure stehen in einer Reihe und lassen hintereinander Sätze ab, Emma Suthe gestikuliert, ihre Angehörigen und Freunde im Publikum lachen, doch deutsche Schauspieler sind meist zu deutsch als daß sie komisch sind. Als routinierter Theatergänger weiß man um das Humorproblem des Karlsruher Schauspiels.
Nach siebzig Minuten folgt ein  kurzer Tüllrocktanz, dann wieder angestrengte Bewegungen und wieder Textbruchstücke von zweifelhafter Bedeutung, als hätte man zufällig eine Seite aufgeschlagen und liest Fundstücke vor. So sieht's aus, da muß man durch, und noch 20 Minuten bis Buffalo.
Nach achtzig Minuten wird wieder in sakralem Ton gesungen: Wir wissen nicht, wer wir sind. Aha, was für eine tiefwirkende Erkenntnis. Dann muht man wie eine Kuh und noch zehn Minuten bis Buffalo! Etwas Gesang, Glitzerkanone und vorbei. Zeitvernichtung mit geringem Mehrwert.

Fazit. So prickelnd wie abgestandener, warmer Sekt

Besetzung und Team:
Mit: Lucie Emons, Swana Rode, Gunnar Schmidt, Emma Suthe, Amin Zariouh
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Oliver Helf
Kostüme: Sigi Colpe
Komposition/Live-Musik: PC Nackt

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