Sonntag, 18. Oktober 2026

Verdi - Rigoletto, 17.10.2026

Drei Sänger in Bestform verhalfen gestern einer dramaturgisch etwas faden, ziemlich oberflächlichen, aber zutiefst harmlosen Inszenierung von Rigoletto zum Erfolg.

Worum geht es?
Erster Akt: In Mantua prahlt der Herzog bei einem Fest mit seinen zahlreichen Verführungen. Der bucklige Hofnarr Rigoletto verspottet die betrogenen Ehemänner, bis Graf Monterone erscheint, den Herzog wegen seiner entehrten Tochter anklagt und sowohl ihn als auch Rigoletto verflucht. Rigoletto, von diesem Fluch erschüttert, führt ein Doppelleben: Am Hof grausam spöttisch, zuhause ein überängstlicher, liebender Vater seiner geheim gehaltenen Tochter Gilda. Gilda verliebt sich in einen jungen Mann, der sich als armer Student ausgibt, in Wahrheit aber der Herzog ist; kurz darauf wird sie von dessen Höflingen entführt und in den Palast gebracht.
Zweiter Akt: Im Palast erfährt der Herzog, dass Gilda bereits hierher verschleppt wurde, und freut sich über seine vermeintliche Eroberung. Rigoletto sucht verzweifelt nach seiner Tochter, erkennt schließlich, daß die Höflinge sie in die Gemächer des Herzogs gebracht haben, und fleht sie an, Gilda freizugeben. Gilda tritt auf und gesteht ihrem Vater unter Tränen, daß der Herzog sie verführt hat und sie ihn liebt. Als Monterone auf dem Weg ins Gefängnis vorbeigeführt wird, erkennt Rigoletto im Fluch die Wahrheit und schwört Rache am Herzog.
Dritter Akt: Rigoletto hat den Auftragsmörder Sparafucile engagiert, um den Herzog töten zu lassen, und bringt Gilda zu dessen Schenke, damit sie mit eigenen Augen die Treulosigkeit des Geliebten sieht. Der Herzog singt sorglos La donna è mobile und verführt Maddalena, Sparafuciles Schwester. Rigoletto befiehlt Gilda, als Mann verkleidet zu fliehen, und vereinbart mit Sparafucile, daß dieser den Herzog in der Nacht ermordet und die Leiche in einem Sack übergibt. Weil Maddalena den Herzog schützt, willigt Sparafucile ein, stattdessen den ersten Fremden zu töten; Gilda, die alles mitgehört hat, opfert sich für den Herzog und wird erstochen. Rigoletto glaubt,  die Leiche des Herzogs zu haben, hört jedoch dessen Stimme aus der Ferne, öffnet den Sack und findet die sterbende Gilda. Monterones Fluch hat sich erfüllt.

Historisches
Verdi war am Hoftheater insbesondere mit Troubadour und Aida erfolgreich, viele andere Opern kamen gar nicht oder erst spät zur Aufführung. 1849 gab es Ernani (UA 1844), 1857 Troubadour (UA 1853), der zur meistgespielten Karlsruher Verdi-Oper wurde. Auf Rigoletto (UA 1851) mußte man bis 1901 warten, im gleichen Jahr folgte auch La Traviata (damals Violetta betitelt);. Bei beiden könnte man vermuten, daß die Handlung als zu unmoralisch bewertet wurde. Den Maskenball (UA 1859) gab es 1886. Josef Krips dirigierte 1928 die anscheinende erste Macht des Schicksals (UA 1862). Ebenfalls beliebt in Karlsruhe, die seit 1874 gespielte Aida (UA 1871). Otello (UA 1887) folgte 1903, Falstaff (UA 1893) hingegen bereits 1894. Nur wenige Werke von Verdi standen auf dem Karlsruher Opernspielplan, Opern wie Nabucco, Macbeth und Don Carlo schafften es anscheinend erst in der Bundesrepublik auf die hiesige Bühne. 


Was ist zu sehen und zu hören?
Nachdem der letzte Karlsruher Rigoletto vor 15 Jahren ganz hell in Weiß, ganz nüchtern und steril inszeniert beim Publikum durchfiel, sieht man nun eine Handlung in tiefster Nacht. Doch nur weil man das Licht stark dimmt, erreicht man nicht die erforderliche düsterne Beklemmung. Alles ist Schwarz, hohe Wände, eine Schräge und dazu ist die Drehbühne im Einsatz. Nichts was in Erinnerung bleibt, nichts was stört, und dennoch wirkt die Bebilderung stärker als die Personenführung. 
Die Kostüme  zeigen eine Art modernes Machiavelli-Zeitalter: "alles ist aufgesetzt und grotesk .... Zeichen einer moralischen und inneren Deformierung" - die Regisseurin scheint quasi Berlin zeigen zu wollen. Doch vieles ist nicht gut herausgearbeitet, die Inszenierung leidet allerdings nicht unter irgendwelchen verzerrenden Regie-Ideen, sondern an einem Mangel an erzählender Gestaltung. 

Auf das ikonische Attribut verzichtet die Regisseurin. Rigoletto fehlt der Buckel, also die verkrüppelte Wirbelsäule, die einerseits den aufrechten Gang verhindert, andererseits als körperliche Deformation die Außenseiterrolle betont. Rigoletto soll 'anders aussehen', 'anders fühlen', aber szenisch ist das nicht umgesetzt. An der zentralen Figur scheitert die Regisseurin, weder Außenseitertum noch Ambivalenz funktionieren, sondern sind lediglich behauptet. Psychologisch sollte Rigoletto aber gerade keine einfache Vaterfigur sein, sondern eine von Schuld, Angst und Rachefantasien getriebene Gestalt. Verdi zeigt ihn als jemanden, der sein eigenes Spottwerk nicht mehr beherrscht: Der Fluch, den er über andere mitträgt, kehrt auf ihn selbst zurück. Wenn nicht Kihun Yoon gestern in der Titelrolle mit Bühnenpräsenz und wuchtiger Stimme überzeugt hätte, wäre die Tragik und innere Zerrissenheit der Figur in dieser Produktion untergegangen. Yoon zeigt die psychologische wie vokale Gratwanderung ohne übertriebenen Pathos. Den Wechsel von  zynischer Schärfe, bitterer Ironie und zutiefst verletzlicher Innerlichkeit vollzog er mit richtigen Balance, er modellierte den inneren Konflikt der Figur darstellerisch und sängerisch, verband eruptive Verzweiflung mit kantabler Stimme.
Fast schon sympathisch wirkt der Herzog von Manta in der Doppelrolle als Verführer und Katalysator der Handlung. Jenish Ysmanov zeigt durch die Strahlkraft und elegante Linienführung seiner Stimme das Verführungspotential seiner Figur. La donna è mobile gewann  bei ihm eine zynische Leichtigkeit, die die genußvoll egoistische Oberflächlichkeit der Figur umso attraktiver hervortreten ließ. Gegenüber Gilda läßt die Regisseurin den Herzog sich kaum verstellen. Er gibt sich zwar als armer Student aus, er spielt ihn aber nicht. Denn Gilda ist hier so überbehütet, daß sie aus Unwissen ein ungünstiges Beuteschema in Bezug auf Männer entwickelt hat. Gildas lebt in einem gläsernen Schutzraum voller Plüschtiere, ein Mädchen zwischen Kindheit und Jugend, das wie eine Puppe mit einem rosa Rüschenkleid bekleidet ist. Rigoletto ignoriert erst das Erwachsenwerden seines Kindes, dann verkennt er ihren Charakter, denn sie opfert sich für den erstbesten gutaussehenden Mann, den sie denkt zu lieben: der oberflächlichen Herzog. Auch für die Figur der Gilda kommt die Regie nicht über Ansätze hinaus. Auch hier ist es die Sängerin, die die Rolle belebt: Anastasiya Taratorkina glänzt als Gilda mit einer Stimme, die lyrischer Reinheit und emotionale Glaubwürdigkeit gleichermaßen vereint.
Auch die kleineren Rollen waren gestern sehr gut besetzt, die Männer des Badischen Staatsopernchors erfüllten ihre Rollen darstellerisch und sängerisch präzise.

Johannes Willig und der Badische Staatskapelle gelang es gestern selten, Spannung aufzubauen und zu verdichten, die Vorstellung hatte weniger Theatralik als erwartet. Stattdessen spielte man eher zurückhaltend, gelegentlich sogar zurückgenommen wirkend, um den Sängern den Vortritt und Raum für Gestaltung zu geben. 

Fazit: Starker Applaus für eine sehr schön gesungene Vorstellung. Ein Extra-BRAVO an die drei zentralen Sänger für einen starken Auftritt. 

Besetzung und Team
Herzog von Mantua: Jenish Ysmanov
Rigoletto: Kihun Yoon
Gilda: Anastasiya Taratorkina
Sparafucile: Liangliang Zhao
Maddalena: Marie-Sophie Janke
Graf von Monterone: Oğulcan Yılmaz
Marullo: Dylan Glenn
Borsa: Peter Marsh
Graf von Ceprano / Tomohiro Takada
Gräfin / Page: Katharina Bierweiler

Musikalische Leitung: Johannes Willig
Regie: Anna Drescher
Bühne & Kostüme: Tatjana Ivschina
Licht: Rico Gerstner
Chor; Ulrich Wagner, Marius Zachmann

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