Mutti ist die Beste
Gestern konnte man sowohl das erste abendfüllende Ballett von Kristina Paulin für Karlsruhe als auch überhaupt die erste Produktion von Prokofjews Cinderella am Badischen Staatstheater erleben, die als Märchen erzählt ist, das das Unglück nicht ausblendet, sondern es vielmehr als Prüfstein zeigt, an dem sich die Tugenden bewähren, die auf dem Weg zum Glück gefordert sind, auch wenn dieses Glück letztendlich oft eher dem Zufall oder äußeren Faktoren als der Tugend zufällt. Paulin gelingt viel, insbesondere die Charakterisierung der Hauptfiguren und der im Ballett zentrale 2.Akt im Ballsaal. Viel Jubel gab es für Carolin Steitz und Christopher Evans als zentrales Paar, die grandios auftrumpfende Lucia Solari als fulminante Stiefmutter sowie Lasse Caballero, der in der Doppelrolle als König und Schneider großes komödiantisches Talent zeigt.
Worum geht es in der Karlsruher Choreographie?
Prolog: Cinderella hat ihre Mutter verloren. Drei unsichtbare Geister wachen über sie und auch über einen Prinzen, der ihr ähnlicher ist, als man denkt. Am Grab der Mutter pflanzt Cinderella ein Haselbäumchen.
1. Akt: Der Vater heiratet eine vornehme Dame. Sie zieht mit ihren zwei Töchtern ein, und alle drei demütigen Cinderella. Einer Bettlerin schenkt Cinderella die Schuhe ihrer Mutter. Der Prinz liebt die Botanik mehr als seine Pflichten am Hof. Weil er auf einem Ball eine Braut finden soll, flieht er in den Wald und trifft dort Cinderella. Sie nimmt heimlich eine Seite aus seinem Tagebuch an sich. Die Stiefschwestern zerreißen Cinderellas Ballkleid, doch die Geister flicken es mit ihrem Zauber. Damit sie zu Hause bleibt, gibt ihr die Stiefmutter unmögliche Aufgaben. Da kehrt die Bettlerin zurück: Sie ist Cinderellas Mutter, die nach ihrem Tod eine Waldfee geworden ist (die Mutter als Fee - eine Idee, die übrigens Jean-Christophe Maillot, Choreograph von Romeo und Julia, auch bereits in Monte Carlo umsetzte). Sie schenkt ihr ein Kleid, goldene Schuhe und eine Einladung zum Ball.
2. Akt: Auf dem Maskenball hofft der vergessliche König auf eine Braut für seinen Sohn. Die Stiefmutter hat es dagegen auf den König selbst abgesehen. Niemand erkennt Cinderella. Als sie mit dem Prinzen zusammenstößt, verliert sie einen Haselzweig vom Grab der Mutter. Die beiden merken, daß sie die Liebe zur Natur und die Sehnsucht nach einem Zuhause teilen. Um Mitternacht sollen alle die Masken abnehmen. Die Geister bringen Cinderella hinaus und geben dem Prinzen heimlich einen goldenen Schuh, der ihm mit dem Zweig bleibt.
3. Akt: Der Prinz will die Frau heiraten, der der Schuh gehört. Die Suche bleibt zunächst erfolglos, doch die Geister führen ihn zu Cinderellas Haus. Die Stiefmutter findet Cinderellas Umhang vom Ball und erkennt, wer die Fremde war. Deshalb gibt sie eine ihrer Töchter als Cinderella aus. Doch weder den Schwestern noch der Stiefmutter paßt der Schuh. Der Vater kehrt von seiner Reise zurück, erfährt am Grab alles von Cinderella und deckt den Betrug auf. Cinderella gibt dem Prinzen die Tagebuchseite zurück. Daran und am Haselbaumzweig erkennt er in ihr das Mädchen aus dem Wald und die Unbekannte vom Ball. Die Schuhprobe ist nicht mehr nötig. Die beiden finden beieinander ihr Zuhause.
Was ist zu sehen?
Warum Prokofjews Ballett in Deutschland Cinderella statt Aschenputtel oder Aschenbrödel heißt, könnte daran liegen, daß die französische Cendrillon-Erzählung von Charles Perrault über ein Jahrhundert älter ist als Grimms Märchensammlung. Das Grausame, Archaische der Grimm-Fassung fehlt ganz (weder ist Blut im Schuh noch gibt es ausgepickte Augen. Die Stiefschwestern und die Stiefmutter sind grotesk-komische Figuren, keine bösen. Prokofjew zeichnet sie mit spitzer, parodistischer Ironie). Stattdessen übernimmt das Ballett Perraults versöhnliches, höfisches Ende.
Choreographin Kristina Paulin knüpft laut Programmheft an Kindheitserinnerungen an, vor allem an Václav Vorlíčeks Film Drei Haselnüsse für Aschenbrödel. Diesen Film verbindet sie mit ihren slowakischen Wurzeln. Sie möchte das Gefühl wecken, mit dem man als Kind Märchenfilme sieht. Doch gerade dies gelingt nur suboptimal. Der Produktion fehlt der Zauber und die magische Atmosphäre, Fee und Geister sind zwar vorhanden, doch es mangelt ihnen an szenischer Kraft, insbesondere am Ende des 1. Akts.
Was Paulins Cinderella hingegen gelingt, sind Poesie, Ironie und Wehmut. Ebenso überzeugt die Figurenzeichnung, durch die sich dankbare Rollen ergeben. Cinderella ist nicht als reine Virtuosenrolle angelegt, sondern eher als lyrisch-dramatische Partie. Carolin Steitz zeigt ihre Figur zurückhaltend als Trauernde, Gedemütigte, Träumende und mädchenhaft keusch Liebende. Der Prinz darf bei Paulin nicht erst wie bei Prokofjew im zweiten, sondern aus Charakterisierungsgründen im 1. Akt auftreten. Er ist hier kein parodierter Heldentenor, sondern eine noble, ernste Figur. Christopher Evans glänzte bereits als Fellini in La doce vita als Bühnenpersönlichkeit. Als dramaturgisch wenig ergiebiger Prinz erfüllt er die Rolle als typischer Danseur noble vorbildhaft.
(Stief-)Mutti ist die Beste! Erneut ist es eine Freude, Lucia Solari zuzuschauen, die ihre Figur mit großer Bühnenwirksamkeit und Komik Kontur verleiht.
Und auch Lasse Caballero, der als Romeo und Dracula zuletzt große dramatischen Momente darstellte, zeigt in der Doppelrolle als affektierter Schneider und etwas trottliger König ein famoses komisches Talent, das beeindruckt. Von schöner Komik geprägt sind auch die zwei Stiefschwestern, getanzt von Sophie Burke und Ella Matthews. Veronika Jungblut tanzte Fee und Cinderellas Mutter, die drei Geister sind Luca D'Amato, Aaron Kok, Filippo Valmorbida. Ledian Soto als Cinderellas Vater ist hier nur eine kleine Nebenrolle.
Was ist zu hören?
Prokofjews Cinderella als Ballett über poetische Liebe hat nicht die ikonische Kraft der dramatischen Liebe in Romeo und Julia, die oft durchkomponiert wie eine Oper ohne Worte wirkt und auch im Konzertsaal große Wirkung entfaltet. Prokofjew wollte Cinderella bewußt als ein Ballett in der Tradition von Tschaikowsky und Petipa schreiben, mit Variationen, Walzern, Pas de deux und Divertissements, also viele aneinandergereihte, in sich abgeschlossene und eher kurze Musikstücke: lyrisch, nostalgisch, oft walzerselig, mit Anleihen bei sich selbst: Wer Die Liebe zu den drei Orangen kennt, wird die Stelle wahrscheinlich erkennen (- eine Oper, die es auch mal auf die Karlsruher Bühne bringen sollte). Prokofjew schrieb für großes Orchester mit Kontrafagott und Tuba. Dazu kommt reiches Schlagwerk: Kastagnetten, Xylophon, Holzblock, Glocken und Tamtam, außerdem Klavier, Harfe und Celesta. Die Badische Staatskapelle unter Daniel Carlberg musiziert klangfarbenreich und spannend!
Fazit: Sehens- und Hörenswert mit Abstrichen im Märchenhaften
![]() |
| Schlußapplaus vor unterkühltem Schlußbühnenbild |
Besetzung und Team
Cinderella: Carolin Steitz
Prinz: Christopher Evans
Stiefmutter: Lucia Solari
Zwei Stiefschwestern: Sophie Burke, Ella Matthews
Waldfee / Cinderellas Mutter: Veronika Jungblut
Drei Geister: Luca D'Amato, Aaron Kok, Filippo Valmorbida
Cinderellas Vater: Ledian Soto
König / Schneider: Lasse Caballero
Kanzler: Vitor Oliveira
Kaplan: Rafael Vedra
Rittermarschall: Geivison Moreira
Kammerdiener: Philip Sergeychuk
Choreografie & Inszenierung: Kristina Paulin
Musikalische Leitung: Daniel Carlberg
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Bregje van Balen
Licht: Stefan Woinke

Ich fand die Premiere sehr gelungen, ein herrlicher Abend. Das sah auch das Publikum so, am begeisterten Applaus zu erkennen. Gut gemacht!!!
AntwortenLöschenVielen Dank für die Ergänzung, die ich spät nachts beim Schreiben nicht mehr ausformuliert hatte: wie üblich gab es begeisterten Applaus für eine Produktion, die auch in der Goldenen Ära Birgit Keils ihren Platz gefunden hätte.
LöschenLieber Honigsammler,
AntwortenLöschenvielen Dank für Ihre interessante Rezension, der ich mich weitgehend anschließe. Ich fand aber auch. dass es atmosphärisch dichte Momente gab, wenngleich die märchenhaften Elemente wirklich etwas zu kurz kamen.
Schade finde ich allerdings, dass sie den Einfall, Cinderella als Kind mit ihrer Mutter zu zeigen (gespielt von Charlotte Rohr) nicht eigens erwähnt haben. Ich fand diese Szenen besonders anrührend.
Der Besuch dieser Produktion kann m.E. uneingeschränkt empfohlen werden.
Vielen Dank und ja, man kann immer noch mehr schreiben, vor allem besser schreiben und vielem viel besser gerecht werden. Das nächtliche Tagebuchschreiben hat seine Schwächen. Die post-mortem Erinnerung an glückliche Mutter-Kind-Momente ist wirklich sehr anrührend und oben ein wenig Spoiler-frei als Märchenerzählung, die "das Unglück nicht ausblendet" angedeutet. Und ja, eine Produktion, die man uneingeschränkt empfehlen kann!
Löschen