Der Einstieg in die neue Konzertsaison begann ambitioniert und gelang famos. GMD Georg Fritzsch kombinierte zwei Spätwerke von Richard Strauss und Dvořáks Symphonie aus der neuen Welt.
Aus dem Rosenkavalier hat der geschäftstüchtige Richard Strauss eine beliebte und im Konzertalltag oft gespielte Orchestersuite erstellt. Die selten gespielte symphonische Phantasie zu der 1919 uraufgeführten Oper Die Frau ohne Schatten (manche Opernliebhaber halten die Partitur zu dieser Oper als die Krone der Opernschöpfung) entstand hingegen spät, erst nach dem 2. Weltkrieg und wurde 1947 im Wiener Konzerthaus von Karl Böhm erstmals dirigiert.In Karlsruhe ist Die Frau ohne Schatten so etwas wie der Gral des Opernglücks, seitdem dieses Werk 1978 im damals neuen Badischen Staatstheater als "die wohl grandioseste Produktion der Ära Könemann", wie sie der bekannte Karlsruher Opernkritiker Manfred Kraft hier bezeichnete, viele nachdrücklich begeisterte. Man sollte sich am Badischen Staatstheater überlegen, ob man nicht als historische Referenz nach über 50 Jahren diese frühere Inszenierung mit moderner Technik nach der Fertigstellung des Umbaus zurückbringt, quasi eine historische Aufführungspraxis bezüglich einer vielgeliebten Produktion, die man hochrangig besetzt, als Reminiszenz an vergangene Größe und neues Selbstbewußtsein. Übrigens, nur so als Idee liebes Badisches Staatstheater: laßt doch das Publikum abstimmen, mit welcher Oper der Karlsruher Hausgötter Mozart - Wagner - Strauss das umgebaute Große Haus eröffnet werden soll. Auch für das neue Schauspielhaus ist das ein schöne Idee.
Aber zurück zum Konzert: Strauss nahm manche Motive, Stimmungen und Szenen der Oper und fügte sie zu einem durchkomponierten ca. zwanzigminütigen Orchesterstück zusammen, das dramaturgisch nicht so richtig überzeugen will. Aus der reichen Oper hätte man eine ganze Symphonie machen können, ähnlich wie Hindemith aus Mathis der Maler, doch er hochbetagte Strauss schuf nur ein Appetithäppchen, dem manche Komponente fehlte, bspw. symbolische Kernmomente wie Bedrohung und Fluch (Er wird zu Stein) oder die Falkenszene. So hört man etwas Geisterreich-Charakter, die menschliche Welt des Färberpaars und die schließlich errungene Menschwerdung der Kaiserin durch Empathie und Schatten-Erwerb. Der Ende der Spielzeit scheidende GMD Georg Fritzsch hat vor allem menschlich in Karlsruhe gepunktet, man hört viel Gutes über ihn. Künstlerisch haben vor allem seine Strauss-Dirigate gezündet - so auch gestern. Seine letzte Konzertspielzeit ist bemerkenswert und gestern machte das Appetithäppchen vor allem Lust auf mehr.
Die Vier letzten Lieder gelten sowohl als Strauss' künstlerisches Vermächtnis als auch als Apotheose des romantischen Lieds: ein spätromantischer, orchestraler Liedzyklus für Sopran, der in grandios differenzierter Stimmung Abschied, Tod und Transzendenz reflektiert. Komponiert von einem über achtzigjährigen Strauss, gehören diese Lieder zu seinen letzten vollendeten Werken. Der Titel stammt nicht von Strauss selbst; er dachte diese Lieder nicht als festen Zyklus und veröffentlichte sie auch nicht so. Die heutige Reihenfolge und Zusammenstellung erfolgte posthum in einer Weise, daß die vier Lieder symbolisch Jahres‑, Tages‑ und Lebenszeiten durchlaufen. Die für den Autor dieses Blogs buchstäblich seit Jahrzehnten schönste Aufnahme dieser Lieder stammt von Jessye Norman, aufgenommen mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur (hier nachzuhören bei youtube), gefolgt von Renée Fleming mit Christoph Eschenbach (bspw. hier). Die Solistin des gestrigen Konzerts, die südafrikanische Sopranistin Golda Schultz, überzeugte mit prachtvollen Stimmfarben, schönen Höhen und ausdrucksstarker Tiefe und erwies sich als große Strauss-Interpretin. Von Georg Fritzsch ist man bei wichtigen Stücken gewohnt, daß er auswendig ohne Partitur dirigiert, doch auch Schultz hielt sich an keiner Partitur fest und sang souverän mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit und beim späten, überwältigenden So tief im Abendrot sah man ihr an, daß dieses Lied für Sie etwas Besonderes ist. BRAVO! Fritzsch benötigte unter acht Minuten für das Abendrot, fast zu schnell und zu wenig auskostend, hat man Masur oder Eschenbach im Ohr. Gestern klang es eher wie Marek Jankowskis Version mit dem RSO Berlin und der ebenfalls beachtenswerten Soile Isokoski (hier bei youtube). Doch ansonsten eine hochinspirierte Interpretation der vier Lieder.
Nach der Pause dann eine der beliebtesten Symphonien überhaupt, Antonín Dvořáks Aus der Neuen Welt, die alle anderen Symphonien des Komponisten nachhaltig in den Schatten stellte. Die Badische Staatskapelle spielte dieses Werk nicht auf Effekt, sondern auf Atmosphäre: eine musikalische Reise, deren eigentliche Spannung zwischen Fremdheit und Vertrautheit lag: zwischen den dunklen Farben des Beginns, den weit ausschwingenden Melodien und einer eigentümlichen Wehmut betonte Fritzsch die transparente Durchhörbarkeit. Der zweite Satz war gestern der emotionale Mittelpunkt des Werks. Fritzsch nahm das Largo breit, aber nicht schleppend, die charakteristische Englischhorn-Melodie gelang prächtig; zugleich blieb spürbar, daß die Idylle nicht außerhalb der Zeit steht. Nach Sehnsucht und Erwartung in den ersten zwei Sätzen folgt Entschlußkraft in fast romantisch-heroischer Ausprägung in den folgenden beiden Sätzen, die Sehnsucht schlug nachhaltig in Freude um, das Publikum klatsche begeistert. Der Badischen Staatskapelle gelang ein großartiger Start in die neue Konzertsaison.
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