Montag, 30. März 2026

Bellini - La Straniera, 29.03.2026

Umjubeltes Belcanto-Sängerfest mit Beigeschmack
Vorstellungen am Sonntagabend sind traditionell ein Angebot des Badischen Staatstheaters, das sich an Rentner und all jene richtet, die entweder wenig Schlaf benötigen oder Montagmorgens nicht in aller Frühe aufstehen und in eine neue Arbeitswoche starten müssen. Wenn man dann noch eine sehr selten gespielte, quasi unbekannte Oper wie La Straniera bringt, die zum Einsparen von Kosten als "Halbszenische Aufführung" angekündigt wird, auf Öffentlichkeitsarbeit verzichtet und gar nicht erst versucht, dem Publikum Sinn und Reiz zu vermitteln, dann hat man wirklich alles für eine mäßig besuchte Aufführung getan. Viele Plätze blieben bei der gestrigen Premiere leer und auch für die folgenden Vorstellungen sind (noch) mehr Plätze frei als vergeben. Diese Lieblosigkeit im Umgang mit dem eigenen Angebot ist eines der vielen Probleme, das Intendant Firmbach bisher nicht in den Griff bekommen hat. Wer sich die Opernbegeisterung hingegen nicht nehmen ließ, der erlebte gestern musikalische Raffinesse und vokale Eleganz, bei der sich exzellente Stimmen zu einem harmonischen Klangbild verbanden und Belcanto erlebbar wurde. Für Opern-Fans lohnt sich jede Rarität, doch besonders wenn sie so engagiert gesungen und musiziert wird wie bei der gestrigen Premiere von La Straniera. Man kann nur hoffen, daß sich nicht zu viele Zuschauer abschrecken lassen, bereits die erste Rarität der Spielzeit Les Boréades entwickelte sich vom Geheimtipp zum Publikumserfolg, La Straniera ist dies ebenfalls zu wünschen.

Worum geht es?
Erster Akt: Prinzessin Agnes, die als Alaide unter falschem Namen an einem See lebt, meidet die Menschen und erregt dadurch Mißtrauen und Aberglauben in der Umgebung. Graf Arturo, der mit Isoletta verlobt ist, fühlt sich jedoch zu der Fremden hingezogen und gesteht ihr seine Liebe, die sie aus geheimen Gründen nicht annehmen darf.  Agnes' Bruder Valdeburgo, der inkognito über Agnes wacht, versucht Arturo von dieser Liebe abzubringen, was Arturo nur noch eifersüchtiger macht. Als Arturo Valdeburgo in Alaides Nähe sieht, hält er ihn für einen Rivalen, fordert ihn zum Duell und stößt ihn im Kampf in den See. Alaide, die Valdeburgo zu Hilfe eilt, wird blutbefleckt entdeckt und als  mußmaßliche Mörderin verdächtigt.
Zweiter Akt: Alaide wird vor ein Gericht gestellt, schweigt zu ihrer wahren Identität und scheint der Todesstrafe entgegenzugehen, bis zunächst der gerettete Arturo und schließlich auch der lebende Valdeburgo erscheinen und sie vom Mordverdacht entlasten. Dem Prior wird im Geheimen die Wahrheit über Agnes offenbart: sie ist die von der Kirche nicht anerkannte Gemahlin des französischen Königs Philippe August. Valdeburgo zwingt Arturo, Alaide aufzugeben und Isoletta zu heiraten; Arturo willigt ein. Vor der Trauung spürt Arturo Alaides Anwesenheit, bricht die Zeremonie ab und stürzt aus der Kirche, wo beide einander in offenbarer, aber aussichtsloser Liebe begegnen. In diesem Moment verkündet der Prior, dass die rechtmäßige Königin Isemberga gestorben sei, Alaide nun Königin werde und Arturos Liebe damit endgültig unmöglich ist; verzweifelt tötet sich Arturo vor Alaides Augen - ihr Weg zum Thron wird über seine Leiche führen.

Historisches
Der im sizilianischen Catania geborene Vincenzo Bellini (*1801 †1835) starb jung. Die Uraufführung von La Straniera 1829 an der Mailänder Scala wurde zum Triumph für den Komponisten. In Karlsruhe setzte zwischen 1834 und 1837 eine Bellini-Begeisterung ein, bei der man innerhalb von vier Jahren sechs Opern aufführte, beginnend 1834 mit Il Pirata (UA 1827). Im Jahr darauf gab es sowohl die erste Karlsruher Norma (UA 1831) als auch La Sonnambula (UA1831). 1836 folgten I Capuleti e i Montecchi (UA 1830) und 1837 erfolgten die ersten Aufführungen von La Straniera und I Puritani (UA 1835) am Großherzoglichen Hoftheater. 


Zur Feier des höchsten Geburtsfestes
Ihrer Königlichen Hoheit
der Frau Großherzogin
Zum Erstenmale:
Die Fremde
(Quelle: Badische Landesbibliothek)

Was ist zu sehen?
Man kennt den gordischen Knoten der bundesrepublikanisch bürokratiepolitischen Handlungsunfähigkeit: Trotz steigender Abgaben- und Steuerkleptokratie fehlt überall Geld für das Wesentliche, niemand mag offen sagen, wohin das Geld versickert oder verschwendet wird und darunter leidet auch die Kultur. La Straniera wird als halbszenische Aufführung gezeigt, was in diesem Fall bedeutet, daß es schlichte  historisierende Kostüme für die affektspielenden Solisten gibt, der Chor hingegen mit Partitur in der Hand konzertant singt. Es gibt auf der Bühne ein weiteres Bühnenportal, das den Blickwinkel verengt und  projizierte Bühnenbilder mit Stimmungsgehalt, ansonsten kein Bühnenbild, nur minimal Requisiten und keine Regie-Interpretation, abgesehen von einer Art betreutem Opernhören: Matthias Wohlbrecht unterbricht als Erzähler gelegentlich die Oper und gibt Hinweise und Kommentare zum verworrenen Geschehen ab. Zum Glück für das Publikum erfolgt dies maßvoll. Und auch sonst ist die Mischung aus konzertanten Elementen mit halbszenischer Aufführung in diesem Fall erfolgreich. Regisseur Tobias Ribitzki, der auch die Fledermaus in Szene setzte, überzeugt auch mit begrenzten Mitteln.

Was ist zu beachten (1): Der Zuschauer ist der Dumme?
Das Theater muß sparen, was ja eigentlich nicht so schwer fallen sollte. Seit geraumer Zeit hat man das Angebot ausgeweitet, neue Mini-Sparten gegründet und aufgerüstet. Das ging seit 2011 merklich auf und zu Kosten des Publikums, denn mehr Geld gab es von Stadt und Land nicht für die neuen Ideen. Als man an den Kernsparten sparte, um sich verschiedenen Firlefanz zu gönnen, fingen nicht wenige Stammzuschauer an, weg zu bleiben. Man denke nur an die neuen Posten und Pöstchen, die man schuf oder die Totgeburt Volkstheater; Jeder verschwendete Euro wäre in den Kernsparten und Gastkünstlern besser angelegt gewesen. Und ob man das Kinder- und Jugendtheater nicht stärker den kleineren Bühnen hätte gönnen sollen? Immerhin schönen schulische Zwangsbesucher die Zuschauerzahlen, was wahrscheinlich der wichtigste Grund war, dieses Angebot auszubauen; So einfach kommt man sonst nicht an statistisch erfassbares Publikum. Die heruntergewirtschafteten Opern-Galas, die dann kommentarlos vom Programm verschwanden, sind ein weiteres Beispiel. Das damalige Zielpublikum gibt sein Geld inzwischen bspw. lieber im Festspielhaus Baden-Baden oder anderswo aus und kam seltener oder nicht mehr zurück. Die Ignoranz gegenüber dem Publikum ist am stärksten im Schauspiel, das immer noch Klienteltheater für eine kleine Zielgruppe betreibt und sich weder aus der Komfortzone noch der ideologischen Filterblase heraustraut. Auch so etwas wie Marketing und Kommunikation gibt es nur noch rudimentär, das Badische Staatstheater ist zu einem Theater ohne attraktive Selbstdarstellung geworden. Statt sich liebevoll um sein Publikum und Abonnenten zu kümmern, nimmt das Theater diese aktuell als selbstverständlich an. Intendant Firmbach hat die Wende in diesen Hinsichten nicht geschafft. Es wirkt, als ob man nur noch versucht, von der Substanz zu zehren und routiniert über die Sparrunden zu kommen, statt manche Zöpfe zu kürzen oder abzuschneiden. Nun muß noch mehr Geld eingespart werden. Wenn man es clever macht, dann investiert man in Qualität und Attraktivität von Konzert, Oper und Ballett. Denn es ist kurzsichtig, dem Publikum für mehr Geld weniger anzubieten. Lieber auf schnell wieder aufbaubare Sparten verzichten, als am Qualitätsminimum in den Kernsparten zu produzieren! Das Publikum sollte jede Form von Mangelinszenierung boykottieren, solange das Badische Staatstheater nicht endlich wieder das Publikum in den Mittelpunkt stellt. 

Was ist zu beachten (2): Aus der Not eine Tugend machen
So prinzipiell Einsparungen an der Kernsparte Oper abzulehnen sind, spricht dennoch nichts dagegen, unter gewissen Voraussetzungen Opern konzertant oder halbszenisch aufzuführen. Man muß es allerdings dem Publikum erklären und sich nicht mit faulen Ausreden begnügen. Gerade für Raritäten bietet sich eine semiszenische Form an, wenn man von der Handlung nicht überzeugt ist. Daß bspw. die Epoche der literarischen Romantik suspekt wurde, verdankt sie wohl auch solchen Handlungen wie in La Straniera, die Situationen und Stimmungen theatralisch übersteigert verbindet zum Zwecke der Bühnenwirksamkeit. Das romantische Alles-oder-nichts sollte musikalische Poesie werden und führte zu unglaubwürdigen Handlungen. Verdis Troubadour ist ein späteres Beispiel für eine zusammenkonstruierte Handlung, die durch musikalische Qualität triumphierte. Wenn schon weniger Bühne, dann zumindest Belcanto: Akustik übertrumpft Optik. Wo man lange mittelmäßig inszeniert hat, kann die Konzentration auf den Gesang ohne inszenatorischen Mumpitz erleichternd wirken. Wer sich von manchen abstrusen Inszenierungen gequält sieht, der kann sich hier zurücklehnen und zuhören. Doch diese Form darf nicht das bisherige Angebot ersetzen, sondern sollte es ergänzen. Auch anderswo gibt es selten aufgeführte Werke (semi-)konzertant. Tatsächlich könnte man sogar noch mehr sparen und mit derselben Ausstattung andere Belcanto-Opern aufführen, Rossinis wunderschöne La donna del lago wäre ein Idee! 

Was ist zu hören?
Attilio Cremonesi
hat sich als ständiger Gastdirigent zum Glücksfall für die Karlsruher Oper entwickelt, nach Händel, Lemoyne und Rameau klingt nun auch der Melodiker Bellini grandios melodiös. Dem Belcanto ging es nicht um Psychologie, sondern um Kantabilität, Bellini nahm den Text ernst und verringerte die Anzahl der Koloraturen zugunsten der Sprachmelodie. Die Musik ist nahe am Text, die Melodien schmiegen sich an die Worte, der Affekt bestimmt den Ton - dem Dirigenten und der Badischen Staatskapelle gelingt dies bemerkenswert schön und stets beredt. Cremonesi erklärt im Programmheft: "Wir versuchen, dem Originalklang Bellinis so nah wie möglich zu kommen. Einerseits haben wir die Streicherbesetzung auf den damaligen Standard der Mailänder Scala reduziert, andererseits haben sich die Blechbläser der Badischen Staatskapelle - Hörner Trompeten und Posaunen - dazu bereit erklärt auf Naturblechinstrumenten zu spielen". Wie auch bei den Händel-Festspielen üblich, ist die Position des Orchestergrabens um ca. einen Meter erhöht. Das Ergebnis klingt mustergültig. Cremonesi dirigiert in Karlsruhe 2027 Händels Faramondo und man sollte überlegen, ob er sich nicht auch für einen akzentuierten Mozart-Klang anbietet. Eine neue Hochzeit des Figaro ist bspw. überfällig.

Bellini muß ein Sängerfest sein. Und genau das gelang gestern grandios. Ina Schlingensiepen gestaltete die Rolle der geheimnisvollen, von inneren Konflikten zerrissenen Alaide makellos. Ihre Piani schwebten über dem Orchester, die tragische Schlußarie gelang ihr mit beeindruckender Emotionalität. Die übersteigert schwärmende und rücksichtslose Liebe  des emotional instabilen Arturos wird von Jenish Ysmanov markant Kontur verliehen. Er singt mit strahlender Höhe und kultivierter Linienführung, selten hört man Bellini so klar gezeichnet und zugleich so mühelos phrasiert. Der stimmgewaltige Armin Kolarczyk ist ein Muster an dramatischer Konzentration. Als brüderlicher Bariton Valdeburgo darf er nach seinem wundersamen Auftauchen in der Gerichtsszene zu Beginn des zweiten Akts mit Meco tu vieni o misera die damals populärste Arie des Oper voller Hingabe singen. Wie üblich überzeugt er er mit mit sonorem Fundament und präziser Diktion. Florence Losseau erzielt als betrogene Braut Isoletta in ihrer Klagearie im 2. Akt mit ihrem warmen Mezzosopran betörende Wirkung. Matthias Wohlbrecht und Liangliang Zhao in den kleineren Rollen sowie der Badische Staatsopernchor tragen bravourös zum Erfolg bei.

Fazit: Ein Abend voll musikalischer und vokaler Schönheit, bei dem Klang, Stil und Emotion zu einem bemerkenswerten Gleichgewicht fanden.

Besetzung und Team
Alaide: Ina Schlingensiepen
Arturo: Jenish Ysmanov
Valdeburgo: Armin Kolarczyk
Isoletta: Florence Losseau
Osburgo: Matthias Wohlbrecht
Priore: Liangliang Zhao

Musikalische Leitung: Attilio Cremonesi
Chor: Ulrich Wagner
Szenische Einrichtung, Ausstattung: Tobias Ribitzki
Kostüme: Maike Pauline Venzlaff-Ruiz, Claire-Sophie Welte
Licht: Philipp Hensolt

4 Kommentare:

  1. Wie wenig Wertschätzung seitens des Theaters dem Publikum geschenkt wird, offenbart sich auch leider an den neuen Kassenautomaten im Parkhaus. Es herrscht regelmäßig Unmut über die komplizierte Zahlweise ohne detaillierte Benutzerführung. Ein denkbar schlechter Start in einen entspannten Theaterabend.

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    1. Ja, das hab ich auch schon mitbekommen. Das Parkhaus gehört allerdings nicht zum Staatstheater. Betreiber ist anscheinend "AAAA Hotelwelt Kübler GmbH". Rechts unter "Externe Links" finden Sie einen Link zur Parkhausbelegung. Von dort kommt man zum Betreiber. Der Eigentümer ist vielleicht die Stadt Karlsruhe. Die Einflussmöglichkeit des Theaters ist minimal und wahrscheinlich eher "höflich bittend".

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  2. Lieber Honigsammler,

    vielen Dank für Ihre ausgezeichnete Rezension und Ihre große Mühe mit der historischen und auch aktuellen theaterpolitischen Einordnung, der ich mich als ebenfalls jahrzehntelanger Opernbesucher inhaltlich in vollem Umfang anschließe. Es ist immer wieder sehr erfreulich, Ihre Überlegungen zu lesen.

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    1. Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Worte!

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