Montag, 9. März 2026

Händel - Atalanta, 08.03.2026

Bei Atalanta handelt es sich um keine Opera Seria, sondern um eine Pastorale, die ganz gezielt für eine königliche Hochzeit als höfische Festoper in London komponiert wurde und deren Libretto manche dramaturgische Schwäche aufweist. Es bot sich an, dieses Werk  nicht zu inszenieren und die konzertante Aufführung in der Karlsruher Christuskirche sorgte mit klanglicher Strahlkraft und einem exzellenten Ensemble für die gedachte freudvoll festliche Stimmung.

Worum geht es?

Atalanta ist eine heitere Pastorale in drei Akten, in der sich zwei adlige Paare im Schäfermilieu – verkleidet und unter falschen Namen – finden und durch allerlei Mißverständnisse gehen, bis am Ende alles in Hochzeit und Feuerwerk mündet. Im Zentrum der etwas verwirrenden Handlung stehen die Jägerin Atalanta (als Schäferin Amarilli) und Prinz Meleagro (als Hirt Tirsi), dazu das zweite Paar Aminta und Irene.
Erster Akt: Meleagro lebt inkognito als Hirt Tirsi; er befreundet sich mit dem Schäfer Aminta, der hoffnungslos in die kokette Irene verliebt ist. Prinzessin Atalanta tritt als Jägerin unter dem Namen Amarilli auf und erregt die Aufmerksamkeit Meleagros, der sich sofort verliebt. Zwischen den Figuren entspinnt sich ein Geflecht von unerkannten Gefühlen; der Akt endet festlich.
​Zweiter Akt: Die Liebesverwicklungen verkomplizieren sich: Meleagro umwirbt Amarilli, ohne zu wissen, daß sie tatsächlich Atalanta ist, und Atalanta ist innerlich zwischen Stolz, Unabhängigkeit und erwachender Zuneigung hin- und hergerissen. Irene spielt mit Amintas Gefühlen und löst durch kleine Intrigen weitere Mißverständnisse aus; Aminta glaubt sich verraten und schwankt zwischen Eifersucht und Treue. In emotional aufgeladenen Szenen kommt es fast zu Geständnissen, doch die wahre Identität Atalantas und Meleagros bleibt noch verborgen.
Dritter Akt: Die Verwechslungen und die Eifersucht erreichen ihren Höhepunkt: Irene behauptet schließlich, sie habe Aminta immer geliebt, und die beiden kommen einander endlich näher. Atalantas und Meleagros wahre Namen und Stände werden enthüllt; damit erweist sich, daß keine Standesunterschiede ihre Liebe verhindern, und beide gestehen sich offen ihre Zuneigung. Am Ende erscheint der Gott Merkur, der den Paaren Glück verheißt; die Oper schließt mit allgemeinem Jubel.

Was ist zu beachten?
Atalanta entstand 1736 anlässlich der Hochzeit des englischen Thronfolgers Friedrich Ludwig (in England: Frederick, Prince of Wales, ältester Sohn Königs Georg II.) mit Prinzessin Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg. Die Oper ist als festliche, leichte Bekömmlichkeit mit glücklichem Ende konzipiert, passend zu einer dynastischen Hochzeitsfeier und zur Repräsentation am Hof. Die Uraufführung fand am 12. Mai 1736 im Theatre Royal, Covent Garden in London statt, wenige Wochen nach der eigentlichen Hochzeit am 27. April. Die Gattung als Pastoraloper mit Schäferidylle, Jagd und Feuerwerk entsprach der barocken Mode für Hochzeitsopern und verband höfische Repräsentation mit publikumswirksamem Spektakel (inklusive großem Feuerwerk) und wurde in der Saison 1736 mehrmals wiederaufgenommen.
Die Hauptrollen 1736 sangen die Sopranistin Anna Maria Strada del Pò, Händels führende Primadonna dieser Jahre, als Atalanta und Gioacchino Conti, genannt Gizziello, ein damals sehr gefeierter junger Soprankastrat, als Meleagro. Weiterhin Altistin Maria Caterina Negri als Irene und John Beard, einer von Händels wichtigsten Tenören, der später in vielen Oratorien zentrale Partien sang, als Aminta.

Was ist zuhören?
Lars Ulrik Mortensen dirigierte die Deutschen Händel-Solisten bereits 2022 bei Hercules (mehr hier) mit Fokus auf Klangschönheit und Harmonie,  nun formt er Atalanta als farbenreiche Partitur mit feinen dynamische Abstufungen und einer schlanken, doch nie dürren Rhetorik. Die Deutschen Händel-Solisten spielen wie gewohnt grandios auf und artikulieren pointiert.
Zentrum des Abends ist der Meleagro des Sopranisten Dennis Orellana, der im vergangenen Jahr den Farinelli-Wettbewerb in Karlsruhe gewonnen hat. Mit leuchtenden Höhen und ausgeglichenen Linien modelliert er virtuos die Partie des Meleagro mit beeindruckender Virtuosität. Caterina Sala stattete die Titelheldin mit einem voll klingenden, hell strahlenden Sopran sowie souveräner Stimmführung aus. Die beiden Duette mit Orellana, zunächst von verzweifelter, im dritten Akt dann strahlend befreiter Emotionalität, gelangen berückend schön. 
Auch das zweite Paar steht dem in nichts nach: Moritz Kallenberg zeichnet Amintas Liebesleid mit einem noblen, flexiblen Tenor nach, der gerade in den klagenden Passagen an Profil gewinnt. Noa Beinart bringt als Irene einen warmen, satten Mezzosopran ein, verleiht der dramaturgisch etwas eigentümlichen Figur stimmlichen Reiz und unterstreicht in den fordernden Arien die Ambivalenz dieser Hirtenfigur.  Oğulcan Yilmaz schließlich gibt Nicandro und Mercurio mit profundem Bariton. 
Der Kammerchor der Christuskirche, von Peter Gortner einstudiert, nutzt die besondere Raumwirkung des Kirchenraums vorbildlich. Klangschön gestaltet er Jubel und Lobpreis auf das Herrscherpaar und zeigte die Nähe des Stücks zur Händels Oratorienschaffen auf.

Fazit: Selbst bei den unbekanntesten Händel-Werken gibt es einiges Bemerkenswertes zu hören, insbesondere wenn sie so grandios gesungen und musiziert werden!

Besetzung:
Atalanta: Caterina Sala
Meleagro: Dennis Orellana
Irene: Noa Beinart
Aminta: Moritz Kallenberg
Nicandro / Mercurio: Oğulcan Yılmaz

Deutsche Händel-Solisten
Musikalische Leitung: Lars Ulrik Mortensen
Kammerchor der Christuskirche, einstudiert von Peter Gortner