Montag, 5. Oktober 2026

Lloyd Webber - Sunset Boulevard, 04.10.2026

Seidenhandschuhe aus Pathos
Die Inhaber eines Opernpremieren-Abos müssen diese Spielzeit tapfer sein. Es gibt nur vier Opernpremieren, aber sechs Abo-Termine, die die unverantwortlich ausgedünnte Karlsruher Oper mit einer Ballettpremiere und einem Musical aufstockt. Ein  Musical im Opernpremieren-Abo? Als Opern-Fan und Musical-Banause hatte sich der Verfasser dieser Zeilen vorab einerseits sagen lassen, daß Sunset Boulevard ein guilty pleasure sei, andererseits daß Andrew Lloyd Webber (*1948) eigentlich fast Oper komponiere. Die erste Aussage erwies sich als zutreffend, die zweite als ungefähr so präzise wie die Behauptung, ein Dackel sei eigentlich fast ein Wolf. Dabei werden die Erwartungen eines Opernfreundes - tragische Schicksale, ein Orchestergraben und möglichst jemand, der am Schluß stirbt - nicht enttäuscht. Es starb zwar nicht jeder, der es verdient hätte, aber immerhin einer, und der wird sogar ermordet. Und es gibt vertraute Opernthemen: gefallene Größe, Selbsttäuschung und Verhängnis. Die Hauptfigur Norma hat nichts mit Bellini zu tun. Sie kommt aus einer anderen Zeit, oder  genauer gesagt, sie weigert sich, aus einer anderen Zeit zu kommen. Norma, einst Filmstar der Stummfilm-Ära, träumt von einem Comeback - eine Rolle für eine große Akteurin und das Badische Staatstheater hat eine sehr gute Besetzung. Das Musical basiert auf einem bissigen Hollywood-Film über Hollywood, aus dem der Komponist die großen Bögen, Gesten und die emotionalen Höhepunkte verwendete, um sie geglätteter und stärker auf Wirkung berechnet neu zusammenzusetzen. Dabei imitiert er erfolgreich den Breitwandtonfall der damaligen Hollywood-Filme. Gestern erwies sich Sunset Boulevard durchaus als ein potentielles guilty pleasure für Opernfreunde und als voller Erfolg für Musical-Fans, die die gestrige Premiere bejubelten.

Worum geht es?
Ort und Zeit: Hollywood zu Zeiten des schwarzweißen Tonfilms.
Prolog: Nachts wird aus einer Villa am Sunset Boulevard ein Mord gemeldet. Der Drehbuchautor Joe Gillis erzählt als Rückblick, wie es dazu kam.

Erster Akt: Joe ist ein erfolgloser Drehbuchautor und pleite. Bei Paramount lehnt ein Produzent sein Drehbuch ab und leiht ihm auch kein Geld für die ausstehenden Autoraten. Dort lernt er die junge Script-Editorin Betty Schaefer kennen, die mit ihm eines seiner älteren Drehbücher überarbeiten möchte. Dann tauchen Leute auf, die sein Auto pfänden wollen, und Joe flieht. Auf der Flucht versteckt er seinen Wagen in der Einfahrt einer prächtigen Villa. Dort lebt die vergessene Stummfilmdiva Norma Desmond, nur mit ihrem Butler Max von Mayerling. Joe sagt zu Norma: "Sie waren mal groß." Norma antwortet: "Ich bin groß. Es sind die Filme, die klein geworden sind!" .
Norma will mit einem selbst geschriebenen Salome-Drehbuch auf die Leinwand zurückkehren. Joe hält das Drehbuch für wirr, sieht aber seine Chance. Er nimmt ihr Angebot an, es zu bearbeiten, und zieht in die Villa ein. Die Fanbriefe, die Norma an ihren Ruhm glauben lassen, schreibt heimlich Max.
Joe wird immer abhängiger von Norma. Sie überhäuft ihn mit Geschenken und neuer Kleidung und wird zunehmend besitzergreifend.  Norma veranstaltet eine Silvesterfeier, die nur für sie beide gedacht ist. Joe flieht von dort auf die Party seines Freundes und trifft Betty wieder. Norma schneidet sich daraufhin die Pulsadern auf. Joe kehrt besorgt zurück und wird ihr Liebhaber.

Zweiter Akt: Joe lebt jetzt im Luxus und gibt offen zu, dass er aus Berechnung bleibt (Titelsong Sunset Boulevard). Paramount ruft an, und Norma glaubt, man wolle ihr Drehbuch verfilmen. Sie besucht das Studio, wird von alten Kollegen herzlich begrüßt, doch in Wahrheit will das Studio nur ihr altes Auto für Dreharbeiten leihen. Norma hält trotzdem an ihrem Wahn fest und bereitet sich mit Schönheitskuren auf die Rolle vor.
Heimlich schreibt Joe nachts mit Betty an einem Drehbuch, und die beiden verlieben sich.
Max erzählt Joe, daß er Normas Entdecker, Regisseur und erster Ehemann war und sie bis heute vor der Wahrheit schützt. Norma kommt hinter die Affäre und ruft Betty an. Joe nimmt ihr den Hörer ab und bestellt Betty in die Villa. Joe will Norma verlassen. Er sagt ihr die Wahrheit: Sie ist vergessen, und alle Fanbriefe stammen von Max. Als er gehen will, erschießt Norma ihn, und er stürzt in den Swimmingpool. Die Polizei und die Presse treffen ein. Norma hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren und hält die Kameras für ein Filmset. Max führt noch einmal Regie, und Norma schreitet die große Treppe hinab. 

Was ist zu sehen und hören?
Mit wenig Mitteln, ganz ohne Opulenz, erreicht man viel: Vorhänge, die auch als Projektionsfläche dienen, eine große Show-Treppe - visuell (Bühne & Kostüme: Stefan Rieckhoff, Licht: Stefan Woinke) und inszenatorisch erlebt man ein ordentliche, werkgetreue, aber auch verhaltene, etwas unterkühlte und den Glamour vermissen lassende Umsetzung, die den Künstlern den Vortritt läßt und keine neuen Bedeutungsebenen öffnet. Regisseur Tobias Ribitzki erweist sich erneut als zuverlässiger Könner des Metiers. Wenn etwas mehr Budget zur Verfügung gestanden hätte, hätte man bspw. die ambivalente Stimmung der Villa sowohl als Prachtort als auch final als Mausoleum betonen können und die bedauernswerte Norma, die am Ende glaubt, sie würde wieder vor der Kamera stehen, einem Blitzlichtgewitter sensationslüsterner Journalisten aussetzen können. 

Aus dem Orchestergraben hört man einen Klang, der durch das Hollywood-Thema durchaus an große Filmmusik erinnerte: breite Streicherflächen, dramatische Steigerungen und eine sorgfältig berechnete Atmosphäre. Musical ist in der Regel durch einem ökonomischen Umgang mit wenig melodiösen Einfällen gekennzeichnet, bei der wenig Motive wiederkehrend verwendet werden, ohne daß man von Leitmotiv sprechen sollte. Die Wiedererkennung erzeugt einen - für Opernfans unraffinierten - Bühnensog. Das ist auch hier der Fall. Doch Lloyd Webber versteht, wie man Figuren psychologisch auflädt, er setzt Szenen sofort in Bewegung und schafft präzise Timing und Atmosphäre. Dirigent Andreas Kowalewitz hält Tempo und Spannung aufrecht, verzichtet auf Schmalz und schafft einen kurzweiligen, unterhaltsamen Abend.

Man hat einige Gäste engagiert, allen voran Vasiliki Roussi, die Norma nie zu einer lächerlichen Diva verkommen ließ, sondern eine tragischen Figur zwischen Fragilität und Grandezza spielte, deren Größenwahn eine Form von Verzweiflung ist. Sie möchte nicht nur berühmt sein; sie möchte, dass ihre Existenz weiterhin Bedeutung besitzt. Filippo Strocchi ist als Joe Gillis keine sympathische Figur und scheut sich nicht, dies auch zu spielen. Bei seiner Figur hätte man sich eine stärkere Personenregie gewünscht. Die Opernsängerin Irina Simmes hingegen ist eine sehr textverständliche und souveräne Betty Schaefer. Heimlicher Star der Premiere war Ben Connor, der mit seiner sonoren Stimme einen lakonischen, aber entschlossenen Max von Mayerling spielt. Die Sänger des Chors haben einiges zu tun, es gibt dazu viele kleine Einzelmomente, die der Chor spielfreudig und humorvoll nutzte.

Gesungen wird ins Mikro, die Musik kommt aus dem Orchestergraben, die Stimmen ganz von oben aus den Boxen. Das verwirrte, am Anfang und zwischendurch gab es technische Akustikprobleme, die die Klangabstimmung aus dem Gleichgewicht brachte.

Fazit: Die Musical-Fans jubelten, als Opern-Fan muß man sich dieses guilty pleasure nicht heimlich gönnen. Der Verfasser dieser Zeilen ist nicht als Musical-Fan nach Hause gegangen, aber auf dem Heimweg hat er sich dabei ertappt, wie er eine Melodie aus Sunset Boulevard summte.

PS: Wieso gab es eigentlich keine Übertitel? Ist das wieder ein Sparthema?

Besetzung und Team
Norma: Vasiliki Roussi
Joe Gillis: Filippo Strocchi
Betty Schaefer: Irina Simmes
Max von Mayerling: Ben Connor
Cecil B. DeMille: Luiz Molz
Artie Green: Dylan Glenn
Sheldrake: André Post

Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz
Regie: Tobias Ribitzki
Bühne & Kostüme: Stefan Rieckhoff
Licht: Stefan Woinke
Chor: Ulrich Wagner

2 Kommentare:

  1. Lieber Honigsammler,

    vielen Dank für Ihre ausgezeichnete Rezension, die auch meine Eindrücke des gestrigen Abends widerspiegelt.Ich finde, dass das Staatstheater immerhin versucht, aus dem enormen Spardruck, der auf ihm lastet, noch etwas halbwegs Anständiges zu gestalten. Ich war zu Beginn auch sehr skeptisch, fand die Aufführung aber durchaus gelungen, obwohl mir natürlich eine Oper lieber gewesen wäre. Stimmlich haben mir v.a. die beiden weiblichen Hauptpartien gefallen, insbesondere Frau Simmes als Betty Schaefer. Letztere zählt übrigens ab dieser Spielzeit zum Ensemble!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, Frau Simmes hat den Sprung vom Opern- zum Musical-Gesang mühelos gemeistert. Sie singt diese Saison noch spannende Hauptrollen: Arabella und Elsa. Schade, daß sie nicht auch noch eine Violetta übernimmt.

      Löschen

Gerne können Sie mir einen Kommentar mit Bezug zum Inhalt dieses Blogs hinterlassen. Ich werde ihn mir baldmöglichst durchlesen. Haben Sie etwas Geduld - ich veröffentliche hier nur unregelmäßig und lese nicht täglich meine Nachrichten. Aus beruflichen Gründen komme ich oft nur wöchentlich zum Reagieren.
Bitte beachten Sie: es handelt sich hier um eine private Seite und nicht um ein öffentliches Diskussionsforum. Falls ich einen Text als unpassend, unsachlich, unangemessen oder als zu polemisch einschätze, werde ich ihn nicht veröffentlichen und ggf. auch nicht beantworten. Ebenso wäge ich bei persönlichen Mitteilungen an mich ab, ob ein allgemeines Interesse besteht. Manchmal fehlt mir schlicht die Zeit, auf Kommentare angemessen zu antworten
Um nicht „Anonym“ zu kommunizieren, klicken Sie bei der Auswahl "Kommentar schreiben als:" auf „Name/URL“. Geben Sie dann Ihren (Erkennungs-)Namen ein. Eine Webadresse muß dabei nicht angeben werden (Feld leer lassen).
Es gibt bei manchen Browsern TECHNISCHE PROBLEME mit dem Kommentarfeld. Bevor Sie einen Kommentar abschicken, sichern und zwischenspeichern Sie ihn bitte. Immer wieder verschwinden Kommentare beim Abschicken und kommen bei mir nie an. Ein Kommentar darf maximal 4.096 Zeichen umfassen, ansonsten machen Sie bitte zwei daraus. Zum Kommentieren scheint der Chrome-Browser am besten geeignet.