Werke aus den Jahren 1983, 1939 und 1899 standen auf dem Programm des gestrigen Konzerts.
Die Werke der estnischen Komponistin Ester Mägi (*1922 †2021) sollen von der Volksmusik ihrer Heimat inspiriert sein. Das knapp zehnminütige Bukoolika (1983) für großes Symphonieorchester besteht aus einer Folge kurzer Szenen und klingt überwiegend ruhig, lyrisch und teilweise lautmalerisch. Ein Werk ohne große Effekthascherei, zwar mit dynamischen Ausbrüchen, aber eingebettet in eine eher kontemplative Grundstimmung. Der estnische Gastdirigent Hendrik Vestmann präsentierte mit dieser Klanglandschaft ein musikalisches Stück Heimat.Das Konzert für Violine und Orchester op. 14 des Amerikaners Samuel Barber (*1910 †1981) ist eines der schönsten romantisch geprägten Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts. Es klingt überwiegend lyrisch und kantabel, mit einer dramatisch-virtuosen Zuspitzung im kurzen, rasanten Finale. Als Solist hörte man Janos Ecseghy, der seit 2002 erster Konzertmeister der Badischen Staatskapelle ist und bereits bspw. in Brahms' Doppelkonzert und Dvořáks Violinkonzert die Hauptrolle übernahm. Auch gestern erklang von Ecseghy ein Plädoyer für dieses knapp über zwanzigminütige, dreisätzige Stück. Die ersten beiden Sätze wurden von der Geige gesanglich ausgesponnen. Im ersten Satz setzt die Solovioline ohne orchestrale Einleitung mit einer langen, weitgespannten Melodie ein, der eine deutlich kontrastierende, volksliedhaft einfache Klarinetten-Melodie folgt. Das mittlere Andante beginnt mit einem von der Oboe präsentierten, elegisch-intimen Thema, bevor die Violine dieses Material übernimmt und sich zu einem dunkleren, expressiveren Verdichtung steigert, der gestern eine Höhepunkt des Konzerts war. Der dritte Satz steht im Kontrast: es erklang als knappes Finale, sehr schnell und hochenergetisch, bei dem Ecseghy seine Virtuosität an der Solovioline zur Schau stellen konnte. Bravo! Ein Barber-Konzert, das in Erinnerung bleibt und Lust auf mehr macht: wie wär es mal mit Barbers Klavierkonzert?
Finnland liegt in Nachbarschaft zum nördlichsten baltischen Land, es wirkt naheliegend, daß Vestmann zum Abschluß Sibelius dirigierte, und zwar dessen 1. Symphonie e-Moll op. 39, die man unmittelbar zu Beginn am einsamem Klarinettensolo über dumpfen Paukenschlägen erkennt. Die frühe Symphonie hat bereits Sibelius' herbe, nordische Klangfarbe. Vestmann betonte die schattigen Streicherflächen und einem "sprechenden" Bläserklang, der erste Satz erinnerte mit einer Mischung aus heroischer Geste und innerer Unruhe ein wenig an Tschaikowsky und russische Spätromantik. Der langsame zweite Satz wirkte wie eine große gesangliche Klage mit sehnsüchtigen Melodien, die sich immer wieder aufschwingen und dann zurücksinken, zwischendurch aber zu dramatischen Steigerungen anschwellen. Das Scherzo erklang schroff und rhythmisch prägnant, während das Trio kurz eine eher naturhafte, lyrische Ruhe einbrachte. Im Finale kehrt die Klarinettenidee des Anfangs wieder, jetzt leidenschaftlich verstärkt, und führte gestern in einen dramatischen, pathetischen Verlauf mit heftigen Steigerungen. Der Satz bündelt Motive aus den vorherigen Sätzen und wirkt wie ein großer Existenzkampf, der in einem düsteren, eindringlichen Schluß endet, der den herben Grundcharakter der ganzen Symphonie bestätigt. In gewisser Weise wirkte Vestmanns Sibelius auch wie das passende Stück zur trüb-naßkalten Jahreszeit der letzten Tage.